Information und Diskussion

Debatten und Fragen, Positionen und Lesestoff

Forschungsdaten- management

Unter dem Begriff Forschungsdatenmanagement (FDM) wird diskutiert, wie der möglichst freie Austausch von Forschungsdaten und -materialien ermöglicht werden kann und welche Vorbereitungen dafür bereits während des Forschungsprozesses notwendig sind.

Ein Ziel ist die Etablierung nachhaltiger Forschungsdateninfrastrukturen, die es erlauben, Forschungsdaten in vertrauenswürdigen Repositorien dauerhaft zu speichern und damit die weitere Nutzung zu ermöglichen – nicht zuletzt, weil Forschungsförderer das zunehmend einfordern. FDM ist damit nicht nur auf das Handeln der Forschenden bezogen, sondern umfasst auch organisatorische bzw. infrastrukturelle Maßnahmen.

'Daten' in den Ethnologien

Im Allgemeinen gelten als 'Forschungsdaten' digitale Daten, die im Zuge wissenschaftlicher Forschung entstehen, unabhängig davon, ob sie duch Beobachtungen, Experimente, Simulation, Befragung, Quellenforschung, Digitalisierung oder auf anderen Wegen gewonnen werden. Mit Blick auf die ethnografische Forschung aber auch auf andere geistes- und sozialwissenschaftliche Ansätze ist nicht immer klar, was Forschungsdaten sind.

Aufgrund ihrer Kontextabhängigkeit, und auch weil die persönliche Involviertheit der forschenden Person und ihre Beziehungen zu Gesprächspartner*innen wesentliches Kennzeichen und Voraussetzung vieler Feldforschungen ist, wird diskutiert, ob hier überhaupt von 'Daten' gesprochen werden sollte bzw. ob  'Daten' aus ethnografischer Feldforschung mit gängigen Konzepten und Kategorien wie Primärdaten und Sekundärdaten, Rohdaten, Hard Data und Soft Data, Thin und Thick oder auch Tiny Data angemessen beschrieben werden können. In der deutschsprachigen Forschung wird deshalb oftmals der Begriff 'Forschungsmaterial' bevorzugt.

FAIR und CARE

Mit den sog. FAIR-Prinzipien verbindet sich das Ziel, Forschungsdatenmanagement – mit Blick auf Forschung und technische Infrastrukturen – nachhaltig zu gestalten. Daten und Materialien sollen so aufbereitet und gespeichert werden, dass sie von anderen nachgenutzt werden können. FAIR steht für

Findable (Auffindbar), Accessible (Zugänglich), Interoperable (Interoperabel), Reusable (Wiederverwendbar).

Ausführliche Informationen zur Initiative GoFAIR und zur Umsetzung von FAIR finden sich z.B. auf forschungsdaten.info.

Die FAIR-Prinzipien stellen damit zwar Merkmale von Daten und Materialien in den Mittelpunkt, die Datenaustausch erleichtern können, lassen aber ethische Fragen, Machtasymmetrien oder auch historische Kontexte außen vor.

Die Global Indigenous Data Alliance (GIDA) hat deshalb ergänzend zu den FAIR-Prinzipien die sog. CARE-Prinzipien für die Handhabung indigener Forschungsdaten formuliert, die aber auch geeignet sind, ethische Fragen in einem umfassenden Sinn als wesentlich für die Datenarchivierung und Nachnutzung zu begreifen. CARE steht für

Collective Benefit (Kollektiver Nutzen der Daten), Authority to Control (Kontrolle über die Daten), Responsibility (Verantwortungsbewusstsein), Ethics (Ethik).

In engem Zusammenhang mit CARE stehen die 'Traditional Knowledge Labels', die die Kennzeichnung von Daten und Material indigener Gemeinschaften in Archiven unterstützen und mögliche Zugangs- und Nutzungseinschränkungen von traditionellem Wissen und kulturellem Erbe markieren sollen.

Ein Verwendungsbeispiel mit zahlreichen Ergänzungen und ausführlichen Metadaten zum archivierten Objekt findet sich in der Library of Congress, Washington: Passamaquoddy War song, Trading song.

Recht und Ethik

Die in der ethnografischen Feldforschung meist als Ko-Produktion verstandene dialogische Herstellung von Daten und Material erfordert eine umfassende Auseinandersetzung mit komplexen Fragen etwa mit Blick auf Eigentümerschaft und Schutzbedarf, aber auch auf den Umfang und die Reichweite, in der Material an Dritte weitergegeben werden kann. Aufgrund der enormen Heterogenität der Felder und Zugänge sind formal standardisierte Handlungsanleitungen nicht möglich. Erforderlich sind vielmehr kontinuierliche Reflexion und Abwägung des Umgangs mit Daten im jeweiligen Forschungskontext und unter den Bedingungen des konkreten Feldes.

Die Anforderungen der Datenschutzgesetze an die wissenschaftliche Arbeit mit und die Archivierung von personenbezogenen Daten sind dabei eine wesentliche Grundlage. Schutzbedarfe ganzer Personengruppen werden hiervon nicht erfasst.

Informed Consent

Ein wichtiges Instrument das Datenschutzes ist die sog. informierte Einwilligung. Sie umfasst die Aufklärung von Forschungspartner*innen über Ziel und Zweck von Datenerhebung, -verarbeitung und -archivierung, beinhaltet Hinweise auf die Rechtsgrundlagen, benennt Verantwortliche u.dgl. In der Regel wird die schriftlich dokumentierte (d.h. auch: unterschriebene) Form favorisiert, alternativ werden auch audio/visuelle Formen empfohlen.

Beides kann in bestimmten Szenarien und Situationen der Feldforschung nicht umsetzbar sein. Und auch im Grundsatz wird 'Zustimmung' eher als dynamischer, situationsabhängiger und unabgeschlossener sozialer Prozess konzipiert. Einwilligung muss entsprechend in allen Phasen der Forschung verhandelt und stabilisiert werden.

Es erscheint deshalb notwendig, alternative oder auch gestufte Verfahren der Zustimmung zu erarbeiten.

Positionen der Fachvertretungen

Die Fachgesellschaften der ethnologischen Fächer haben Positionen zum Umgang mit Forschungsdaten formuliert. Diese Papiere sind etwa bei der Beantragung von Forschungsprojekten eine wichtige Referenz.

Deutsche Gesellschaft für Volkskunde (dgv): Positionspapier zur Archivierung, Bereitstellung und Nachnutzung von Forschungsdaten (pdf)

Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie (DGSKA): DGSKA-Positionspapier zum Umgang mit ethnologischen Forschungsdaten (pdf)
GAA Position Paper on the Handling of Anthropological Research Data (pdf)

Société Internationale d´Ethnologie et de Folklore (SIEF): SIEF statement on Data Management (pdf)

European Association of Social Anthropologists (EASA): EASA’s Statement on Data Governance in Ethnographic Projects (pdf)

Die weitere Fachdiskussion ist zum Beispiel dokumentiert in:

"Beiträge zum Forum „Forschungsdatenmanagement“, Zeitschrift für Volkskunde (116) 1/2020 https://doi.org/10.31244/zfvk/2020/01

Hansjörg Dilger, Peter Pels, Margaret Sleeboom-Faulkner: Guidelines for Data Management and Scientific Integrity in Ethnography. In: Ethnography 20 (2019) 1, 4-7. https://doi.org/10.1177/1466138118819018

Peter Pels et al: Data management in anthropology: the next phase in ethics governance? In: Social Anthropology 26 (2018), 391-413. https://doi.org/10.1111/1469-8676.12526

Alberto Corsín Jiménez (2018): A Data Governance Framework for Ethnography. http://hdl.handle.net/10261/172227

Ausgewählte Literatur

Ethnologie/ Ethnografie und FDM

Andrew Asher, Lori M. Jahnke (2013): Curating the Ethnographic Moment. In: Archive Journal. https://www.archivejournal.net/essays/curating-the-ethnographic-moment/

Barbara Alge (2019): Forschungsdatenmanagement in der Musikethnologie. Universitätsverlag Hildesheim; Hildesheim u.a.: Olms. https://doi.org/10.18442/031

Sabine Imeri (2018): Ordnen, archivieren, teilen. Forschungsdaten in den ethnologischen Fächern. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde (LXXII/121, Heft 2/ 2018), 213–243. urn:nbn:at:at-ubi:4-5937 , englische Übersetzung: Order, archive, share. Research data in the ethnological disciplines. In: Journal for European Ethnology and Cultural Analysis (JEECA), vol. 3, issue 2/2018, pp. 215–240. https://doi.org/10.18452/20810

Elisabeth Huber (2019): Affektive Dimensionen von Forschungsdaten, ihrer Nachnutzung und Verwaltung. Working Paper SFB 1171 Affective Societies 01/19. https://refubium.fu‐berlin.de/handle/fub188/17614

David Zeitlyn (2000): Archiving Anthropology. In: FQS. Forum: Qualitative Social Research 2001 (3). https://doi.org/10.17169/fqs-1.3.1034

Qualitative Forschung und FDM

Isabel Steinhardt u.a. (2020): Das Öffnen und Teilen von Daten qualitativer Forschung: eine Handreichung. (Weizenbaum Series, 6). Berlin: Weizenbaum
Institute for the Networked Society - The German Internet Institute. https://doi.org/10.34669/wi.ws/6

FAIR und CARE

Rosie Higman, Daniel Bangert, Sarah Jones (2019): Three camps, one destination: the intersections of research data management, FAIR and Open. Insights, 32(1):18. http://doi.org/10.1629/uksg.468

Rainie, Stephanie Caroll et.al. (2019): Issues in Open Data: Indigenous data sovereignty. Zenodo. http://doi.org/10.5281/zenodo.2677801

Recht und Ethik bei FDM

Anne Lauber-Rönsberg, Philipp Krahn, Philipp, Paul Baumann: Gutachten zu den rechtlichen Rahmenbedingungen des Forschungsdatenmanagements (Kurzfassung), 12.07.2018. https://tu-dresden.de/gsw/jura/igewem/jfbimd13/ressourcen/dateien/publikationen/
DataJus_Kurzfassung_Gutachten_12-07-18.pdf?lang=de&set_language=de [20.01.2021]

Louise Corti, Libby. Bishop (2020): Ethical Issues in Data Sharing and Archiving. In: Ron Iphofen (ed.): Handbook of Research Ethics and Scientific Integrity, Cham, 403-426. https://doi.org/10.1007/978-3-030-16759-2_17

Hella von Unger (2018): Forschungsethik, digitale Archivierung und biografische Interviews. In: Helma Lutz, Martina Schiebel, Elisabeth Tuider (Hrsg.): Handbuch Biographieforschung. Wiesbaden, 681–693. https://doi.org/10.1007/978-3-658-18171-0_57

Hella von Unger, Hansjörg Dilger, Michael Schönhuth (2016): Ethikbegutachtung in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Forschung? Ein Debattenbeitrag aus soziologischer und ethnologischer Sicht. RatSWD Working Paper 259, Berlin. https://www.ratswd.de/dl/RatSWD_WP_259.pdf

Datenbegriff

Jakob Voß (2013): Was sind eigentlich Daten? LIBREAS. Library Ideas, 23. http://dx.doi.org/10.18452/9038

Fabian Cremer, Lisa Klaffki, Timo Steyer  (2018). Der Chimäre auf der Spur: Forschungsdaten in den Geisteswissenschaften. O-Bib. Das Offene Bibliotheksjournal 5(2), 142-162. https://doi.org/10.5282/o-bib/2018H2S142-162

FDM im FID

Der FID Sozial- und Kulturanthropologie beschäftigt sich seit 2016 mit dem Thema Forschungsdatenmanagement. Nach Erhebungen zum Umgang mit Forschungsdaten in den ethnologischen Fächern sind wir vorrangig in zwei Arbeitsfeldern tätig:

Der FID begleitet und unterstützt erstens die fachlichen Diskussionen und versteht sich als Vermittler der infrastrukturellen wie wissenschaftspolitischen Debatten und Entwicklungen – wie etwa den Aufbau der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur (NFDI) – in die Fachcommunitys. Dieser Prozess wird vom Standort Berlin betreut und vorangetrieben.

Zweitens arbeiten wir an Möglichkeiten und Verfahren für die Archivierung und ggf. Bereitstellung zur Nachnutzung von Forschungsdaten aus vorrangig qualitativ-ethnografisch arbeitenden Forschungsprojekten. Damit verbunden soll ein Beratungs- und Schulungsangebot für ethnografisch Forschende entwickelt werden. Diese Arbeiten erfolgen am Datenservicezentrum Qualiservice an der Universität Bremen.

Beide Felder werden im engen Austausch mit den Fachgesellschaften Deutsche Gesellschaft für Volkskunde (dgv) und Deutsche Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie (DGSKA) sowie einzelnen Forschungsprojekten bearbeitet.