Summary
- Topic Event — DGEKW Ringvorlesung 2027
- When to (Europe/Berlin / UTC200)
- Where Online — Germany
- Sign up till Oct 31, 2026
- URL https://dgekw.de/ring-vorlesungen/
- Download date as file get iCal file
Description
Liebe Forschende und Lehrende in der DGEKW,
nachdem die vergangenen DGEKW Ringvorlesungen und die begleitenden, hochschulübergreifenden Seminare zum Thema Rechtspopulismus (2025) und KI (2026) auf sehr gute Resonanz gestoßen sind, möchten wir diese Formate auch im kommenden Jahr im Sommersemester 2027 durchführen.
Sie sollen diesmal dem Thema:
Solidarität! Praktiken des Zusammenhalts in krisenhaften Zeiten neu denken und ethnografieren
gewidmet sein.
Wir laden dazu ein, Beiträge einzureichen, die Solidarität im Spannungsfeld von Geschlecht, Queerness und Demokratie untersuchen. Die geplante Ringvorlesung möchte Solidarität aus Perspektive der Empirischen Kulturwissenschaft, Europäischen Ethnologie und Kulturanthropologie als zentrale Ressource und Konfliktfeld demokratischer Alltagswelten in den Blick nehmen. Während aktuelle multiple Krisenerfahrungen (Re-Patriarchalisierung, anti-queere Mobilisierungen, wachsende soziale Ungleichheiten, Care-Krisen und zunehmender Abbau wohlfahrtsstaatlicher Leistungen) die Grenzen liberaler Demokratie deutlich machen, geraten Formen von Solidarität und fürsorglichem Miteinander neu in den Fokus: als alltägliche Praxis, als politischer Anspruch und als ambivalentes Versprechen. Dies zeigt sich insbesondere auch darin, wie nach dem nur wenige Tage zurückliegende queerfeindlichen Anschlag auf dem Berliner CSD Versprechen von Solidarität auch zur Stärkung anti-solidarischer und ideologisierender Diskurse instrumentalisiert wird. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger politischer Verschiebungen, in denen Geschlechterforschung verstärkt zur Projektionsfläche und Zielscheibe politischer Auseinandersetzungen wird (Näser-Lather 2023, Hark 2017), formieren sich zugleich feministische und queere Bewegungen sowie aktivistische Projekte, die den damit einhergehenden Spaltungs- und Entsolidarisierungsprozessen entgegentreten und nach einem neuen Gemeinsamen suchen (Hark 2021, Hark et al. 2015). Aktuelle empirisch-kulturwissenschaftliche Bewegungsforschungen zeigen, wie Akteur*innen solidarische und sorgende Bündnisse formen (Zengin 2024, Seeck 2021) und utopische Entwürfe eines solidarischen Zusammenlebens jenseits restriktiver Geschlechternormen und Regulierungen praktisch erproben (Sistenich 2026, Faust 2019). Zugleich verdichten sich Konfliktlinien um Geschlecht und Sexualität in einem antagonistischen Freund-Feind-Schema, das solidarische Positionierungen zugleich herausfordert (Wielowiejski 2024) und ihre Notwendigkeit verdeutlicht.
Dabei soll Solidarität als gelebte, oft widersprüchliche Praxis des Zusammenhalts und der Für_Sorge (Binder/Hess 2019) in den Blick genommen werden, die dehumanisierende Verhältnisse – Ausbeutung, Grenzregime, Queerfeindlichkeit, Care-Krisen – als miteinander verschränkt begreift und dennoch in konkreten Kämpfen, Alltagspraktiken und Beziehungsgeflechten ansetzt.
Beiträge sollen fragen, wie solidarische Beziehungen entlang von Gender, Sexualität, Race, Klasse und Körperlichkeit geknüpft werden, ohne Differenz zu nivellieren: Welche Formen von queerer, feministischer und intersektionaler Solidarität entstehen in Kollektiven, transnationalen Bündnissen oder Wahlfamilien und anderen sozialen nicht-normativen Konstellationen – und wo geraten sie in Friktion, Übersetzungslücken und Reproduktion von Privilegien? Welche Rolle spielen Differenz, Konflikt, Ausschluss und ungleiche Vulnerabilitäten für Solidaritäten und wie verschieben sie klassische Vorstellungen von Gemeinschaft, Bürger*innenschaft/ citizenship und Zugehörigkeit?
Und wie können historische sowie gegenwartsorientierte Perspektiven zu Solidarität dazu beitragen, Demokratie jenseits rein institutioneller Arrangements zu denken – als offenen Prozess, in dem Zugehörigkeit, Verantwortungszuschreibungen und alternative Formen von Gerechtigkeit immer wieder neu ausgehandelt werden?
Zugleich lädt die Ringvorlesung dazu ein, die Positionalität von Solidaritätssubjekten und die Rolle von Forschung zu reflektieren: Welche Orte und Rollen beanspruchen Anthropolog*innen und Empirische Kulturwissenschaftler*innen in solidarischen Praktiken – welche sollten sie bewusst nicht einnehmen? Und wie können kollaborative Ansätze dazu beitragen, angemessenere Modelle von Solidarität zu entwerfen und gleichzeitig an sozialer Transformation mitwirkt? Eingeladen sind Beiträge, die auf historischen und gegenwärtigen ethnografischen oder kulturanalytischen Ansätzen beruhen und Solidarität in ihren konkreten Alltagsformen ebenso wie in ihren utopischen Entwürfen adressieren. Ziel der Ringvorlesung ist es, die Vielfalt solidarischer Praktiken sichtbar zu machen, ihre Ambivalenzen zu reflektieren und sie zugleich als zentrale Ressource für demokratische Gegenwarts- und Zukunftsentwürfe zu diskutieren.
Leitfragen können dabei sein:
-
Wie wird Solidarität in konkreten Gender- und Queer-Kontexten verstanden: als Care-Praxis, als politische Bündnispolitik, als Alltagsroutine, als transformative Praxis, als radikale Verbundenheit?
-
Wer beansprucht Deutungshoheit über Solidarität (Staat, NGOs, Bewegungen, Wissenschaft) – und wie unterscheiden sich „von oben“ und „von unten“ definierte Solidaritäten?
-
Wie lässt sich Solidarität analytisch und praktisch von paternalistischer Hilfe, Repräsentationspolitik und NGO-Humanitarismus abgrenzen?
-
Wie wird Solidarität über Differenz hinweg (Geschlecht, Sexualität, Race, Klasse, Ost/West, Norden/Süden, Mehr-als-menschliche-Bündnisse) hergestellt – und wo entstehen Brüche, Friktionen und Konsensunfähigkeit?
-
Welche Rolle spielen Affekte, Emotionen und geteilte Erfahrungen von Verletzbarkeit für die Entstehung solidarischer Beziehungen, und wie werden aus geteilten Krisenerfahrungen politische oder soziale Bündnisse?
-
Was bedeutet Solidarität für ethnografische Praxis: Wie navigieren Forscher*innen zwischen Engagement und Distanz, Insider/Outsider-Position, politischer Verantwortung und methodologischer Reflexivität?
-
Wie können kollaborative, multimodale und partizipative Forschungsformate solidarische Beziehungen nicht nur abbilden, sondern mit herstellen – und wo liegen ihre Grenzen?
-
Inwiefern tragen solidarische Praktiken – queer-feministisch, antirassistisch, dekolonial – zu sozial-ökologischer und demokratischer Transformation bei, und wo bleiben sie im Modus des Überlebens im Bestehenden?
-
Welche utopischen Horizonte („queer futures“, „healing justice“, „care revolution“) werden in solidarischen Praxen aufgerufen und wie verhalten sie sich zu konkreten materiellen Veränderungen?
Die Organisation von Ringvorlesung und hochschulübergreifendem Seminar erfolgt in Zusammenarbeit des Ständigen Ausschusses für Studium und Lehre (StAStuL), der Kommission für Geschlechterforschung und Queere Anthropologie und der Vorsitzenden der DGEKW.
Ziel ist, die Expertise im Fach zu aktuellen, gesellschaftlichen Problemfeldern zu bündeln, öffentlich sichtbar zu machen und insbesondere auch für die Lehre aufzubereiten.
Wie bereits in der hochschulübergreifenden Ringvorlesung im Sommersemester 2026 erprobt, soll auch in 2027 ein möglichst breites Spektrum der Forschung im Fächerverbund zu diesem Thema aufgegriffen werden. Dementsprechend sind mit diesem Call alle Forschenden und Lehrenden in der DGEKW, die im oben beschriebenen Bereich Expertise aufgebaut haben, eingeladen sich zu beteiligen und einen Themenvorschlag für einen Vortrag einzureichen. Die Ringvorlesung findet auf Zoom statt.
Für das hochschulübergreifende Seminar an den verschiedenen Standorten der DGEKW Institute sind alle Lehrenden, mit und ohne spezielle Expertise im genannten Themenbereich eingeladen, sich zu beteiligen, um wechselseitiges, standortübergreifendes Lernen auch über verschiedene Qualifizierungsebenen hinweg zu ermöglichen. Die Lehrveranstaltung wird einführenden Charakter haben und auf BA Niveau stattfinden. Die formalen Anforderungen können entsprechend der curricularen Anforderungen am jeweiligen Standort angepasst werden, so dass diese überall als curriculumsrelvante Veranstaltung angeboten werden kann. Das konkrete Konzept und der Ablauf für die Lehrveranstaltung ist zeitlich und inhaltlich an den Vorträgen der Ringvorlesung orientiert und wird im Vorfeld gemeinsam entwickelt.
Das Seminar findet dienstags 12-14 Uhr und die Vortragsreihe dienstags 16-18 Uhr statt.
Zeitplan:
bis 31. Oktober 2026
-
Einreichungen mit Themenvorschlägen für einen Vortrag im Rahmen der DGEKW Ringvorlesung 2027 mit einem Abstract von nicht mehr als 200 Wörtern bis 31. Oktober 2026
-
Interessensbekundungen für die Mitwirkung am begleitenden, standortübergreifenden DGEKW Seminar
an victoria.hegner[ at ]uni-jena.de; agnieszka.balcerzak[ at ]ekwee.uni-muenchen.de;
sascha.sistenich[ at ]uni-bonn.de; gertraud.koch[ at ]uni-hamburg.de
Anfang Dezember 2026
-
Zusammenstellung der Themenliste, der Referent*innen und Zeitplanung für die Ringvorlesung
Mitte Januar bis Mitte Februar 2027
-
gemeinsame Planung und Organisation des begleitenden Seminars mit Beteiligung aller Seminarleitungen an den verschiedenen Standorten
-
Arbeitstreffen (online) aller Beteiligten
Wir freuen uns auf Euer/Ihr Interesse und eine rege Beteiligung an beiden Veranstaltungen.
Herzliche Grüße
Sascha Sistenich (Bonn)
für den Ständigen Ausschuss für Studium und Lehre (StAStuL)
Victoria Hegner und Agnieszka Balcerzak
für die Sprecher*innen der Kommission für Geschlechterforschung und Queere Anthropologie
Gertraud Koch
1. Vorsitzende DGEKW