Welten. Zonen. Atmosphären. Seismographien des Anthropozäns

Die nächste Tagung der Deutschen Gesellschaft für Sozial- und Kulturanthropologie mit dem Titel „Welten. Zonen. Atmosphären. Seismographien des Anthropozäns“ findet vom 27. bis 30. September 2021 an der Universität Bremen statt.

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Zusammenfassung

Beschreibung

Welten. Zonen. Atmosphären. Seismographien des Anthropozäns

Der Tagungsort der DGSKA repräsentiert alle diesjährigen Themen: Die Hansestadt Bremen, zweitgrößter Hochseehafen Deutschlands, steht mit ihrer maritimen Geschichte für den Aufstieg und die Paradoxien des globalen Handels und für die Geschichte des Kolonialismus. Der deutsche Überseehandel nahm seit dem 16. Jahrhundert von hier aus Fahrt auf, wobei Beziehungen zu anderen Gesellschaften meist als Eroberung von Natur und Menschen verstanden wurden.

Ausgangspunkt ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Konzept des Anthropozäns, das unsere Gegenwart als kontaminierte Epoche beschreibt. Das Anthropozän markiert den Beginn einer Zeitrechnung, in der die Menschheit zu einer zerstörerischen Kraft geologischen Ausmaßes geworden ist und sich gleichermaßen gezwungen und befähigt sieht, die Aushandlung der Zukunft unseres Planeten selbst in die Hand zu nehmen. Das Anthropozän wirft Fragen nach der Vielzahl von Welten auf dem einen Planeten auf und schafft ein Bewusstsein für bewohnbare und zunehmend unbewohnbare Zonen. Die breite und kontroverse Debatte über den zeitlichen Beginn und den analytischen Gehalt des Begriffs und die in ihm implizit enthaltenen Annahmen verweist deutlich darauf, dass Vorstellungen der „einen Welt“, die wir alle gemeinsam bewohnen, problematisch sind. Kolonialismus und Kapitalismus, die industrielle Revolution oder technologische Verheerungen wie die Atombombenversuche haben überall Erschütterungen und Beben und die Angst vor Massenauslöschung und fortwährenden Klima- und Umweltkatastrophen ausgelöst. Flucht und Migrationsbewegungen, Klimawandel und Ausbeutung, Pandemien und Ungleichheit haben sich als Phänomene des Anthropozäns verstärkt. Sie bringen neue und unterschiedliche Konfigurationen von menschlichen und nichtmenschlichen Akteur*innen hervor. Die Erkundung dieser Vielfalt ist eine der Hauptaufgaben der Kultur- und Sozialanthropologie, die nicht die Zukunft der einen Welt im Auge hat, sondern die Komplexität und Vielfalt neu entstehender entanglements und assemblages, der Entstehung einer Vielzahl von Welten, Atmosphären und Zonen.


Die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff des Anthropozäns manifestiert sich in der Sozial- und Kulturanthropologie in neuen epistemologischen und ontologischen Ansätzen, die eine neue Aufmerksamkeit für die Verheerungen unseres Planeten und für die Verflochtenheit unterschiedlicher Lebensformen fördern. Die Bremer Tagung will die Beiträge der Sozial- und Kulturanthropologie zu diesen Debatten über anthropos / den Menschen als inhärenten Teil aller NaturenKulturen, in seiner Zentralität wie Dezentrierung und in seinen Beziehungen und Gefügen mit anderen Lebewesen sichtbar machen und weiterentwickeln. Sie beschäftigt sich mit den Erschütterungen, die der Kapitalismus in allen Teilen der Welt hinterlässt und fragt danach, wie sich die Menschen in diesen Ruinen einrichten, welche Überlebensstrategien sie entwickeln, und welche neuen Lebenswelten und Kosmologien sie hervorbringen. Es entstehen andere, mehr-als-menschliche Verbindungen in prekären Landschaften, und aus Situationen des Mangels oder Kampfes um begrenzte Ressourcen entwickeln sich erweiterte Formen politischer Beziehungen und massive Neubestimmungen des Politischen. Sozial- und Kulturanthropolog*innen richten den Blick auf die Vielfalt und die Strategien, die ein Überleben von Menschen ermöglichen und beschreiben, wie menschliche und nichtmenschliche Akteure ganz neue Welten schaffen oder sich bestehende aneignen, sie affektiv formen und verändern, also sehr spezifisch ausgestalten und beleben. Nicht die Reduktion von Komplexität steht im Zentrum, sondern die Vielfalt der mehr-als-menschlichen Verbindungen, die ethnographische Wirklichkeiten informieren. In den Kontaktzonen ereignet sich ethnologische Forschung und dokumentiert mit seismographischer Genauigkeit, wie sich Stimmungen und Lebensgefühle, also die Atmosphären vor Ort wandeln oder dominanten Einflüssen widersetzen. Als Fach mit interdisziplinärer Schlüsselstellung steht die Ethnologie vor der Aufgabe, solche Prozesse des worlding und Welten-Machens im Gefüge der Infrastrukturen und der offenen Beziehungen zu anderen Lebewesen in die komplexe Beschreibung und Analyse des Anthropozäns einzubringen.

Der Einsendeschluss für den Call for Papers ist der 15. Februar 2021. Außerdem gibt es einen Call for Films für die Tagung.

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