'Position beziehen', 'Haltung zeigen'?!

Das Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie der Universität Freiburg kündigt die Konferenz "'Position beziehen', 'Haltung zeigen'?! - Bedingung und Problem kulturwissenschaftlicher Forschung" an, 14.–16. Februar 2022; CfP bis 17.05.2021!

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Zusammenfassung

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Beschreibung

"Position beziehen", "Haltung zeigen"?! - Bedingung und Problem kulturwissenschaftlicher Forschung

14.–16. Februar 2022, Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg

Angesichts vielfältiger, drängender gesellschaftlicher und politischer Konflikt- und Problemlagen (z.B. Rechtspopulismus, Prekarisierung und Armut, Fluchtelend und Migrationsdebatte, Klimaproblematik, sexualisierter Gewalt etc.) wird seit langer Zeit – und in den vergangenen Jahren verstärkt – die Forderung erhoben, "Position zu beziehen" oder "Haltung zu zeigen".
Doch was bedeutet dies konkret in wissenschaftlichen Kontexten und speziell für die Europäische Ethnologie/Empirische Kulturwissenschaft, als, wie Wolfgang Kaschuba 2013 formulierte, „politisches Fach"?
Sollen wissenschaftliche Texte von einer politischen Agenda getragen werden? Sollen sie also gezielt als Beiträge in der politischen Auseinandersetzung formuliert werden? Sollen sich die Autor:innen samt ihrem symbolischen Kapital als Wissenschaftler:innen explizit in der politischen Auseinandersetzung als Person zu Wort melden und als "public intellectuals" öffentlich positionieren? Oder bedeutet diese Forderung im Sinne einer "Politik der ersten Person" einfach nur, dass schlicht alles, also auch die wissenschaftliche Rede, als politisch verstanden werden muss, es somit gar keine unpolitischen Äußerungen geben kann?
Grundsätzlich unbestritten ist, dass Forschung immer in dem Sinne positioniert erfolgt, dass sich die Forschenden aus einer bestimmten Perspektive den Phänomenen nähern und diese Perspektivierung ebenso reflektieren wie offenlegen sollten.
Davon zu unterscheiden ist jedoch die Frage der aktiven, inhaltlichen oder politischen Positionierung der Forschenden zu und mit ihren Forschungsergebnissen oder damit verbundenen gesellschaftspolitischen Fragen. Diese Positionierung erfolgt ggf. im Nachgang zur Forschung, bei der Weiterverarbeitung und Kommunikation der Ergebnisse in die Fachcommunity sowie in (politische) (Teil-)Öffentlichkeiten hinein.
Die Vermittlung von Forschungsergebnissen kann dabei zum einen Wirkungen in Übereinstimmung mit bewussten Entscheidungen und politischen Absichten der Forschenden zeitigen. Zum anderen treten jedoch auch „unintended effects" auf, z.B. in Form von Verzerrungen, Dekontextualisierungen oder Umdeutungen (Applaus von der "falschen Seite").
Gefühlten oder tatsächlichen Zwängen zur inhaltlichen Positionierung des forschenden Subjektes stehen in diesem Kontext Erwägungen im Hinblick auf mögliche Akzeptanzprobleme der Forschung in wissenschaftlichen wie nichtwissenschaftlichen Öffentlichkeiten und Befürchtungen der (moralischen) Korrumpierung im, durch und gegenüber dem Feld sowie bei der Vermittlung der Ergebnisse gegenüber.

Dabei erscheinen folgende Fragen als virulent:
Wie wirken sich Perspektiven, aus und mit denen Forschung betrieben wird, auf die Haltung gegenüber dem Feld aus?
Welche Implikationen zeitigen Situiertheit und Positioniertheit im Sinne der Trennung vs. Vermischung von politischem und wissenschaftlichem Sprechen für die Forschung und für die Maxime ihrer Ergebnisoffenheit?
Welche Erwartungshaltungen bestehen diesbezüglich in der scientific community oder werden dort vermutet?
Inwiefern werden Ergebnisse un(aus)sprechbar aufgrund der Angst vor ihrer Politisierung und daraus folgenden Wirkungen wie Diskriminierungen und Ausschlüssen (entweder der Wissenschaftler:innen selbst oder der beforschten Gruppen)?
Inwiefern ergeben sich ethische Konflikte, etwa hinsichtlich des Prinzips „do no harm" der American Anthropological Association, im Zusammenhang mit der Darstellung der Ergebnisse, im Sinne von Auswirkungen auf das Feld? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für das Prinzip "be open and honest regarding your work"?
Schließlich: In welchen Spannungsverhältnissen (zum Feld, zu verschiedenen Öffentlichkeiten, Medien, Geldgeber:innen, zur scientific community oder zu sich selbst) bewegen sich Ethnograf:innen bei der Präsentation ihrer Ergebnisse? Und wie wird mit diesen Spannungsverhältnissen umgegangen?
In gesteigerter Form stellen sich diese Fragen bei Forschungsprojekten mit und über Gruppierungen, die als vulnerabel, deviant, marginalisiert, prekär oder politisch radikal erscheinen, sowie in gewaltaffinen, hermetischen bzw. durch starke institutionelle Kontrollbestrebungen gekennzeichneten Forschungsumgebungen.
Über Notwendigkeit, Sinnhaftigkeit, Form oder Legitimität von Positionierungen und Positioniertheiten im Hinblick auf die eigenen Ergebnisse und deren möglichen Wirkungen und Konsequenzen besteht im Fach derzeit kein Konsens, wir sehen vielmehr Gesprächsbedarf.
Wir möchten mit dieser Tagung eine Diskussion über die unterschiedlichen Aspekte und Implikationen dieses Themenkomplexes anstoßen und laden zu einem Erfahrungsaustausch zu dem damit verbundenen forschungspraktischen, -ethischen und -politischen Fragen ein.
In diesem Kontext wünschen wir uns eine möglichst konkrete, an spezifischen Erfahrungen und Beispielen aus der ethnografischen Praxis ausgerichtete Diskussion - und weniger die abstrakte Formulierung allgemeiner Forderungen oder Prinzipien. Ausgangspunkt ist für uns die Grundannahme, dass es sich bei dem skizzierten Spannungsverhältnis zwischen Analyse und evtl. auch gesellschaftspolitischem Engagement mehr um eine dilemmatische Situation als um eine Frage der entweder-oder-Entscheidung handelt

Wir möchten daher anhand konkreter Forschungserfahrungen gemeinsam sowohl über Lösungsansätze bzw. Möglichkeiten des (gelungenen) Umgangs mit den skizzierten Herausforderungen als auch über Aporien und Dilemmata diskutieren. Insgesamt wollen wir somit eine offene konzeptionelle Reflexion dessen anregen, was "Positionierung" im Kontext kulturwissenschaftlicher Arbeit bedeuten kann und was nicht.

Wir bitten daher um Vorschläge für Tagungsbeiträge (25-30 Minuten) in Form eines Abstracts (max. 2500 Zeichen) samt Kurz-CV (max. 1000 Zeichen), in dem sowohl der Bezug zur Tagungsthematik dargelegt wird als auch die konkrete Forschung benannt wird, aus der sich der Beitrag speist.

Rückfragen und Einreichung bitte bis zum 17. Mai 2021 an: Marion Näser-Lather (naeserm[at]staff.uni-marburg.de)

Kontakt

Nähere Informationen

Marion Näser-Lather

naeserm[ at ]staff.uni-marburg.de