(Un)Versöhnt. Repräsentationen von 'Versöhnung' zwischen nationalen Geschichtspolitiken und pluralenGedenk-Kulturen seit 1989

Die interdisziplinär orientierte Tagung wird vom 19.–21. November 2020 an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken stattfinden. Sie fragt nach den medialen Repräsentationsformen, performativen Praktiken und ästhetischen Strategien, durch die aktuelle Versöhnungsdiskurse kommuniziert, kulturell übersetzt und transformiert werden.

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Zusammenfassung

  • Was Call For Papers(Un)Versöhnt. Repräsentationen von 'Versöhnung' zwischen nationalen Geschichtspolitiken und pluralenGedenk-Kulturen seit 1989
  • Wann bis (Europe/Berlin / UTC100)
  • Wo Universität des Saarlandes, Saarbrücken
  • benötigte Unterlagen Abstracts (max. 300 Wörter) für 30-minütige Referate inkl. Vortragstitel und ein kurzer CV
  • Termin herunterladen iCal Datei herunterladen

Beschreibung

„And reconciliation may not come, but truth must come. That’s the condition.” Die Aussage des US-amerikanischen Anwalts und Bürgerrechtlers Bryan Stevenson vom April 2018 verdeutlicht exemplarisch, wie zivilgesellschaftliche Akteure aktuelle Versöhnungsdiskurse mit der Forderung nach historischer Wahrheit konfrontieren: Versöhnung als politisch-gesellschaftliche Zielvorgabe wird an die Bedingung geknüpft, die in nationalen Geschichtsnarrativen verschwiegenen oder verdrängten Wahrheiten anzuerkennen und öffentlich sichtbar zu machen. Mit dem maßgeblich von Stevenson initiierten „National Memorial for Peace and Justice“ in Montgomery/Alabama, das an die Opfer rassistischer Lynchmorde in den USA erinnert, wurde 2018 der Anspruch, delegitimierte Opfergruppen in der nationalen Gedenk-Topographie zu verankern, architektonisch-museal umgesetzt. Die Benennung der Gedenkstätte übernimmt staatliche Handlungsziele (Frieden und Gerechtigkeit) und vereinnahmt diese selbstbewusst für zivilgesellschaftliches Engagement.

Unsere Tagung fragt nach den medialen Repräsentationsformen, performativen Praktiken und ästhetischen Strategien, durch die aktuelle Versöhnungsdiskurse kommuniziert, kulturell übersetzt und transformiert werden. In historischer Perspektive gehen wir dabei von der Beobachtung aus, dass sich seit 1989 mit dem Ende der Blockbildung zwischen Ost und West sowohl die Schauplätze zwischenstaatlicher Versöhnungspolitiken vervielfacht haben und zugleich Versöhnungspostulate, die aus der ‚eigenen‘ konfliktbeladenen Vergangenheit abgeleitet werden, innergesellschaftlich neu verhandelt werden müssen. Nicht zuletzt die in den Jugoslawienkriegen manifest gewordene Rückkehr militärischer Konflikte nach Mitteleuropa hat dazu beigetragen, dass ‚geschlossene‘ Versöhnungsnarrative (etwa über den Aufbau der deutsch-französischen Freundschaft nach 1945) wieder geöffnet und auf ihren Orientierungswert für aktuelle Konflikttransformationen befragt werden.

Seither ist eine Vervielfachung und globale Verflechtung von Versöhnungsdesideraten und -postulaten zu verzeichnen, die in vermittelter Form nahe und ferne, historische und aktuelle Ereignis- und Erfahrungshorizonte für aktuelle Debatten synchronisieren. Dies verweist einerseits auf die einstweilige Unverzichtbarkeit des Versöhnungskonzepts in zahlreichen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexten, insbesondere dort, wo die Transition zwischen konfliktueller Vergangenheit und Kooperation in der Gegenwart und Zukunft bewerkstelligt werden muss. Andererseits sieht sich der Versöhnungsbegriff im interessegeleiteten säkularen Kontext dem grundsätzlichen Verdacht ideologischer Verschleierung ausgesetzt und sein inflationärer Gebrauch wird als Indiz für eine fortschreitende Bedeutungsentleerung kritisiert (Hahn, Hans Henning u.a.: Erinnerungskultur und Versöhnungskitsch, 2008).

Gerade die semantische Unschärfe des Versöhnungsbegriffs verweist auf seine fortdauernde Ergänzungsbedürftigkeit in symbolischer, performativer und affektiver Hinsicht. Vor dem Hintergrund einer zunehmend synchronisierten Verflechtung lokal situierter Versöhnungsdiskurse bieten sich hier vielfältige Untersuchungsperspektiven für vergleichend angelegte Fallstudien an. Indem wir den Fokus auf die öffentlich wirksamen Repräsentationsformen, ästhetischen Strategien und medialen Inszenierungsformen legen, rücken wir Varianten der Rhetorizität und Expressivität von Versöhnungshandeln in den Mittelpunkt der Analyse. Damit soll zugleich der Versuch unternommen werden, die bislang stark von politik-, religions- und sozialwissenschaftlichen Zugängen geprägten ‚Reconciliation Studies‘ um eine kunst- und kulturwissenschaftliche Perspektive zu ergänzen.

Drei Untersuchungsbereiche lassen sich hierbei vorläufig näher eingrenzen; Anregungen zu weiteren Themenbereichen sind willkommen:

  1. Lokalisierungen von Versöhnung: Weltweit sind in den letzten beiden Jahrzehnten in zahlreichen Städten Plätze, Brücken und Straßen in prominenten Lagen zu Trägern offizieller Versöhnungspostulate resemantisiert worden (z. B. Reconciliation Place im Regierungsviertel von Canberra mit zahlreichen Arbeiten von Aborigines-Künstler*innen, 2001). Parallel dazu sind kriegszerstörte Bauwerke nach ihrer Wiederherstellung umgehend als Versöhnungssymbole adressiert worden (z. B. die Alte Brücke von Mostar oder die Dresdner Frauenkirche, 2004). Wie wurden und werden Orte und Objekte für Versöhnungsappelle vereinnahmt und angepasst, um veränderten gesellschaftlichen Forderungen gerecht zu werden? Geht mit diesen Akten, Versöhnungspostulate urban zu lokalisieren, der Wunsch nach einer diskursiven Schließung des Versöhnungsnarrativs einher? Wie differieren hier lokale Wahrnehmungen von der medial transportierten Versöhnungsrepräsentation? Lässt sich im Anschluss an Kirk Savage (Therapeutic Monument, 2006) von ‚therapeutischen‘ Lokalitäten sprechen?
  2. Dokumentarische und fiktionale Imaginationen von Versöhnung: Aktuelle Versöhnungspostulate steuern die Relektüre historischer Konflikte und führen vielfach zu Reaktualisierungen von vergangenen Versöhnungsakten in fiktionaler Form. So hat etwa der kurzfristige Waffenstillstand zwischen deutschen und englischen Truppen zu Weihnachten 1914 und das dabei anberaumte Fußballspiel längst ein eigenes mediales Nachleben entwickelt, das sich Sportorganisationen und Verbände für die ‚eigene‘ Erinnerungskultur angeeignet haben. Weiterhin ist die konfliktträchtige Arbeit von Wahrheits- und Versöhnungskommissionen in Südafrika und weiteren Staaten wiederholt Gegenstand fotografischer Dokumentation und filmisch-literarischer Narration geworden. Welche Rückkoppelungen lassen sich zwischen dokumentarischer und dramaturgischer Behandlung von institutionalisierter Versöhnungsarbeit erkennen? Wie wirken z.B. filmische Inszenierungen auf die Erfahrung der Erinnerungsorte zurück?
  3. Versöhnung und Naturästhetik: Bei der affektiven Modellierung von Versöhnung spielen naturalisierte Konzepte von zyklischer Regeneration und organischem Wachstum eine wichtige Rolle. Mit dem Friedenspark von Hiroshima ist bereits 1948 ein Typus von Gedenklandschaft geprägt worden, der die Spuren maximaler Zerstörungsenergie mit der regenerativen Resilienz des Pflanzlichen kontrastiert. Auch jüngere Memorial-Museen bieten neben und in einer traumatisch kodierten ‚Architektur der Absenz‘ auch Pflanzen-Enklaven (z. B. Garden of Stones mit eingesetzten Bäumen von Andy Goldsworthy im Museum of Jewish Heritage, New York oder der Garten des Exils im Jüdischen Museum Berlin von Daniel Libeskind). Der Genozid-Gedenkstätte in Kigali/Ruanda sind Gardens of Reflection angegliedert, wobei ein Teilbereich explizit dem Thema „Unity, Division and Reconciliation“ gewidmet ist. Beispiele für die Beanspruchung naturästhetischer Konzepte im deutsch-französischen Versöhnungsnarrativ ließen sich gleichfalls anführen (Deutsch-Französischer Garten in Saarbrücken, Jardin pour la paix im lothringischen Bitche). Neben den historischen Genealogien für die naturästhetische Rahmung von Versöhnungskonzepten wäre in vergleichender Perspektive zu ermitteln, wie ‚Versöhnung‘ von lokalen Akteuren als kulturelle Ressource eingesetzt wird.

Die interdisziplinär orientierte Tagung zielt darauf ab, konzeptuelle Zugänge aus dem Spektrum der Kunst-, Kultur-, Geschichts- und Medienwissenschaften zusammenzuführen. Im Hinblick auf die transregionale Ausrichtung des Vorhabens, sind Themenvorschläge aus dem Bereich inner- und außereuropäischer Area Studies willkommen. Ausdrücklich erbitten wir auch Beiträge von qualifizierten Nachwuchswissenschaftler*innen. Vortragssprachen sind Deutsch und Englisch.

Organisation: Barbara Krug-Richter (Historische Anthropologie / Europäische Ethnologie), Joachim Rees (Kunstgeschichte), Jonas Nesselhauf (Europäische Medienkomparatistik)

Kontakt

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schaefer.s[ at ]mx.uni-saarland.de