Technik – Medien – Geschlecht revisited. Die Bedeutung von Gender in digitalisierten Medienwelten

Die Auseinandersetzung mit Technik und Technologien hat eine lange Tradition in der Medien- und Kommunikationswissenschaft. Aktuell wird sie im Kontext von Digitalisierung, Datafizierung und Automatisierung der Medienkommunikation wiederentdeckt und rückt zunehmend in den Mittelpunkt fachlicher Debatten.

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Zusammenfassung

  • Was Call For PapersTechnik – Medien – Geschlecht revisited. Die Bedeutung von Gender in digitalisierten Medienwelten
  • Wann bis (Europe/Berlin / UTC100)
  • Wo Westfälische Wilhelms-Universität Münster
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Beschreibung

Vor allem die enge Verzahnung medientechnologischer und ökonomischer Dynamiken, die damit verbundenen Innovationskräfte und das Aufkommen immer neuer Medientechnologien tragen dazu bei, dass die Rolle technischer Artefakte und Prozesse in der Medienkommunikation gegenwärtig neu zu verhandeln ist. Geschlecht spielt dabei als Kategorie, die über Partizipation, Aneignungsweisen und gesellschaftliche Relevanz medientechnologischer Neuheiten mitbestimmt, eine zentrale Rolle. Vor diesem Hintergrund lädt die nächste Fachgruppentagung zu einer Reflexion und Diskussion darüber ein, welcher Weiterentwicklungen und Neuperspektivierungen das Verhältnis Technik, Medien und Geschlecht aus Sicht der kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung bedarf.

Einen wichtigen Zugang bildet dabei die Beschäftigung mit der Frage, wie Medientechnologien sozial und kulturell konstruiert werden. Die differenzierte Auseinandersetzung mit diesem Zusammenhang ist zweifelsohne ein zentraler Ertrag der kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung. Sie hat deutlich gemacht, dass das Verständnis und die Nutzung von Medientechnologien nicht primär auf ihren technologischen Potenzialen, sondern auf den Bedeutungen beruhen, die ihnen gesellschaftlich zugeschrieben und damit auch in die Technik eingeschrieben werden. Medientechnologien sind mehr als Geräte oder Anwendungen; sie sind kulturell hochgradig aufgeladene Objekte, die Eigendynamiken ausbilden und strukturelle Effekte haben können.

Dabei ist die Konstruktion der Bedeutung von Medientechnologien eng mit der Herstellung der Differenzkategorie Geschlecht verknüpft. Dies wurde bereits Ende der 1980er Jahre in der ethnografischen Fernsehforschung der britischen Cultural Media Studies herausgearbeitet und später im Domestizierungsansatz mit seinem Konzept der double articulation von Medien festgeschrieben. Die Einsichten, die aus Folgestudien gewonnen werden konnten, bezogen sich etwa darauf, dass neue Medientechnologien technisch gerahmt sein können und Technikinteresse und -kompetenzen zunächst primär Männern zugeschrieben werden, sodass Frauen der Zugang erschwert wird. In der Nutzung werden sie dann selten als Expertinnen, sondern überwiegend als Anwenderinnen konstruiert. Erst im Zuge einer stärkeren Alltagsintegration von Medientechnologien verändern sich diese Zuschreibungen und verlieren nach und nach ihre geschlechtliche Konnotation, scheinen sich aber nicht völlig aufzulösen. Solche sich wandelnden Zuschreibungsprozesse lassen sich im historischen Rückblick sowohl für klassische Medien wie das Radio und das Telefon als auch für digitale Medien wie den Computer oder das Internet feststellen. Sie sind nie abgeschlossen, sondern stets in Bewegung und gerade im Hinblick auf Geschlechterfragen mit jeder Medientechnologie, die auf den Markt kommt, neu zu diskutieren.

Eng an diese Perspektive schließt sich die Frage an, inwiefern das Aufkommen neuer Medientechnologien und -anwendungen Impulse für die Aushandlung von Geschlechterkonstruktionen jenseits binärer Zuschreibungen oder traditioneller Entwürfe von Weiblichkeit und Männlichkeit liefern kann. So gab es die Hoffnung, dass Onlinemedien etwa dazu beitragen, geschlechtsgebundene Arbeitsteilungen im Alltag von Paaren aufzulösen oder neue Sichtbarkeiten und Vernetzungsmöglichkeiten für LGBTQI und feministische Anliegen zu ermöglichen und so die Geschlechterbeziehungen zu revolutionieren. Entsprechend gilt es zu analysieren, unter welchen Voraussetzungen Männlichkeit und Weiblichkeit im Kontext von Digitalisierung und Datafizierung nicht reaffirmiert werden oder eine Dekonstruktion von Zweigeschlechtlichkeit möglich wird.

Vor dem Hintergrund der umfassenden digitalen Mediatisierung werden darüber hinaus Themen relevant, die innerhalb der kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung bisher nur bedingt diskutiert wurden. Angesichts eines Bedeutungsgewinns von technischen und datenbezogenen Prozessen wie Algorithmisierungen und Datenspeicherung, die unsere Mediennutzung kaum merklich steuern, zugleich aber Basis unserer Kommunikation und damit der Konstruktion gesellschaftlicher Realitäten sind, stellen sich Fragen nach der Bedeutung von Technik und einer potenziellen Vergeschlechtlichung von Datenspuren, Datensammlungen und ihrer Interpretation als Abbild gesellschaftlicher Realität auf eine ganz andere Weise.

Das Ziel der Konferenz ist es deshalb, aktuelle Fragen und Befunde zu Zusammenhängen zwischen der Konstruktion von Medientechnik und Geschlecht zu thematisieren und theoretisch sowie empirisch zu analysieren.

Vier Themenfelder erscheinen in diesem Zusammenhang besonders instruktiv:

1. Theorie
Vor dem Hintergrund der Entwicklung neuer Medientechnik und -technologien stellt sich die Frage, was unter Technik genau zu verstehen ist und inwiefern etablierte Begriffe und Theorien weiterhin zur Beschreibung aktueller Prozesse geeignet sind. Insbesondere durch Digitalisierung und Datafizierung hat sich der Gegenstandbereich des Technischen in der mediatisierten Kommunikation erweitert, sodass neben technischen Artefakten zunehmend digitale Datenströme, virtuelle Netzwerke und automatisierte Verfahren in das Blickfeld rücken, an die auch eine Neubewertung des Materialen anschließen muss. Darüber hinaus ist kritisch zu diskutieren, inwieweit sich von „dem Internet“ sprechen lässt. Wie kann die Technologie unter Berücksichtigung ihrer vielfältigen Anwendungen und kommunikativen Möglichkeiten theoretisch differenzierter betrachtet werden? Auf welche Weise können De- und Re-Gendering-Prozesse entlang konkreter Anwendungen oder Nutzungsbereiche adäquater analysiert werden?

2. Medien als technische Objekte
Auf der Ebene der Artefakte steht zur Debatte, wie die Technifizierung der Medien selbst einzuschätzen ist und welche Konsequenzen aus immer kürzeren Produktionszyklen für Medientechnologien erwachsen, die im Alltag genutzt werden. Was bedeutet es, wenn mehr und mehr Nischen-medien entstehen und bestehende Medien durch Upgrades oder individuelle Zuschnitte permanent verändert werden? Wie finden diese neuen Medientechnologien Einzug in den Alltag? Wie verschieben sich vor dem Hintergrund von Zugängen zu Medientechnologien Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern? Wer profitiert von diesen Entwicklungen, wer nicht? Kann ein Re- und De-Gendering in Bezug auf spezifische Medientechnologien und -anwendungen beobachtet werden? Welche Ermöglichungen und Beschränkungen resultieren aus Design und Interfaces? Wessen Bedürfnisse stehen bei ihrer Entwicklung im Zentrum? Was für Potenziale, aber auch Einschränkungen sind damit verbunden?

3. Medienaneignung
In Bezug auf die Nutzer/innenperspektive stellt sich die Frage, welche Umgangsweisen sich mit Medientechnologien etabliert haben und inwiefern die Aneignung neuer Medientechnologien Impulse für ein verändertes Medienhandeln im Alltag setzt. Wie verändert sich die Mediennutzung von Männern und Frauen vor dem Hintergrund sich wandelnder kommunikativer Potenziale? Finden sich neue, geschlechtsgebundene Zugänge zu spezifischen Medientechniken oder -technologien oder lösen sie sich auf? Welche (neuen) Ungleichheiten entstehen dadurch oder werden abgemildert? Welche Chancen und Probleme resultieren aus der Einführung nutzer/innenfreundlicher Bedienoberflächen und Technologien für die Geschlechterbeziehung in Bezug auf die Abschaffung von Expertentum und Abhängigkeitsverhältnissen? Wer wird vor dem Hintergrund von Datafizierung und der Etablierung neuer Technologien zur Expert/in? Inwieweit wird der oder die Einzelne in die Verantwortung genommen, Medienkompetenzen in Bezug auf Medientechnologien zu entwickeln? Was folgt aus der Einsicht, bestimmte datengetriebene Prozesse nicht mehr überblicken geschweige denn aktiv managen zu können? Welche Potenziale und Limitationen erwachsen aus der Technifizierung einzelner Medien? Wie wirken sich Prozesse der (De-)Konvergenz auf Genderkonstruktionen aus? Gibt es Generationseffekte, also haben sich die mit dem Internet aufgewachsenen jungen Erwachsenen hinsichtlich ihrer Nutzung angenähert oder gibt es geschlechtsgebundene Differenzen? Welche gesellschaftlichen (Gegen-)Bewegungen entwickeln sich als Reaktion auf Konsum und auf die immer kürzeren Nutzungszyklen von Medientechnologien?

4. Fachkultur und Berufsfeldforschung
Welche Rolle spielt technisches Know-how in Kommunikationsberufen und im Studium? Wird solches Wissen geschlechtsgebunden vermittelt? Inwiefern muss die Kommunikationswissenschaft Datafizierung stärker mit einbeziehen, um zukunftsfähig zu bleiben? Was passiert, wenn die Kommunikationswissenschaft Technikwissen und Datenkompetenz den eher männlich geprägten Domänen Informatik und Programmieren überlässt? An welchen Stellen müssen sich Erkenntnisse aus der kommunikationswissenschaftlichen Geschlechterforschung und Wissen aus der Informatik ergänzen, um aktuelle gesellschaftliche Phänomene adäquat beschreiben zu können?

Einreichung von Abstracts
Willkommen sind Vorschläge für 15- bis 20-minütige Vorträge sowie für inhaltlich abgestimmte Panels mit 3-4 einzelnen Beiträgen zu einem übergeordneten Thema. Besonders freuen wir uns auch über Einreichungen von Nachwuchswissenschaftler/innen.

Wir bitten Sie, Extended Abstracts (4.000 bis 6.000 Zeichen) per E-Mail bis zum 30. März 2019 einzureichen und einem der vier Themengebiete zuzuordnen. Bitte senden Sie Ihr Abstract an Ricarda Drüeke (Ricarda.Drueeke@sbg.ac.at). Die Vorschläge werden in einem anonymisierten Review-Verfahren begutachtet. Deshalb sind die Abstracts mit einem Deckblatt zu versehen, auf welchem der Beitragstitel sowie Name und Adresse des/der Einreichenden vermerkt sind.

Kontakt

Nähere Informationen

Ricarda Drüeke

Ricarda.Drueeke[ at ]sbg.ac.at