Konferenzen – Call for Papers

Grenzüberschreitungen: Migrantinnen und Migranten als Akteure im 20. Jahrhundert

01.02.2018-02.02.2018, Bern, Universität Bern

  • Zeitraum: 01.02.2018 – 02.02.2018
  • Institution: Universität Bern
  • Ort: Bern / Schweiz
  • Einzureichen bis: 01. Mai 2017 Einreichtermin beachten
  • Unterlagen an: Vera Blaser (vera.blaser[at]hist.unibe.ch)

Forschungen zur Geschichte von Migration im 20. Jahrhundert sind
mehrheitlich als Untersuchungen massenhafter Zu- und Abwanderung
konzipiert. Dies gilt für die seit den 1980er Jahren im
deutschsprachigen Raum mit dem Namen Klaus Bade verbundene
sozialgeschichtliche Migrationsforschung, für auf die Möglichkeiten von
Assimilation gerichtete Ansätze der Einwanderungsforschung bzw.
immigration studies und für Untersuchungen der rechtlichen und
institutionellen Rahmenbedingungen von Migration.
Wenngleich diese Ansätze unverzichtbares Wissen über das Ausmass, den
Kontext und die Formen des historischen Migrationsgeschehens generieren,
gelingt es ihnen nicht, Migrantinnen und Migranten als aktiv Handelnde
ins Zentrum zu rücken und subjektive Erfahrungen von Migration in ihren
vielfältigen Facetten aufzuarbeiten. Hier setzt die Tagung an. Sie
wendet sich Frauen und Männern als AkteurInnen zu, die Praktiken,
Ausdrucks-, Darstellungs- und Kommunikationsformen entwickeln und fragt
nach ihrer Handlungsfähigkeit und Handlungsmacht in politischen und
sozialen Zusammenhängen:
Welche Faktoren haben individuelle Migrationsentscheidungen beeinflusst
und wer war daran beteiligt? Wo konnten Migrantinnen und Migranten im
Übergang in ein anderes gesellschaftliches Umfeld Handlungs- und
Wirkungsmächtigkeit (Stichwort agency) entfalten? Mit welchen Strategien
antworteten sie z.B. auf Deklassierungserfahrungen, etwa wenn
Bildungsabschlüsse und Berufsqualifikationen im neuen Umfeld nicht
anerkannt wurden oder die Möglichkeit der sprachlichen Verständigung
eingeschränkt war? Welche Praktiken der Begegnung und der Einflussnahme
entwickelten sie und in welchem Umfeld? Wie lässt sich
Migrationserfahrung überhaupt erforschen, wenn Menschen sich erst einmal
am neuen Ort niedergelassen und eingerichtet haben? Welche Bedeutung
kommt dabei künstlerischen und literarischen Zeugnissen der Migration
zu? Gibt es spezifische Formen des individuellen und kollektiven
Erinnerns an diejenigen Wanderungsprozesse, die für die meisten
europäischen Gesellschaften bis heute konstitutiv sind?
Die Tagung widmet sich diesen auch für das Verständnis des gegenwärtigen
Wanderungsgeschehens wichtigen Fragen aus historischer Perspektive. Im
Zentrum stehen Migrationen im europäischen Kontext im 20. Jahrhundert,
wobei Europa hier als Abgangs-, Durchgangs- oder Ankunftsregion gilt.
Der titelgebende Begriff "Grenzüberschreitungen" berücksichtigt dabei
einerseits Erfahrungen der konkreten Ortsverlagerung, ihre Vor- und
Nachgeschichte sowie ihres Stellenwerts in den Lebensläufen von
Migrantinnen und Migranten, und andererseits die Praktiken von
Grenzziehungen und Grenzüberschreitungen, die Neuankömmlinge in der
Ankunftsgesellschaft erleben und mitunter auch selbst vornehmen.
Untersucht werden sollen auch Formen literarischer/künstlerischer/
ästhetischer/medialer Verarbeitung und deren Konzeptualisierung, etwa in
Begriffen von "Transit" oder "Passage".
Der zweite Ausgangspunkt der Tagung ist die Beobachtung, dass sich
augenblicklich eine neue Kluft zwischen
historisch-kulturwissenschaftlich orientierter Exil- und
Migrationsforschung einerseits und gegenwartsorientierter sozial-,
politik- und rechtswissenschaftlich orientierter Flüchtlingsforschung
andererseits abzeichnet, und dabei das Potential einer
interdisziplinären Zusammenarbeit verloren zu gehen droht. Wie keine
andere Forschungsrichtung hat sich beispielsweise die interdisziplinäre
Exilforschung mit den Lebenswegen von Menschen befasst, die aus ihrem
Herkunftsland fliehen mussten und dabei Erfahrungen von Verlust,
Entwurzelung und Entfremdung im Schatten von Gewalterfahrung machten.
Können ihre Erkenntnisse für die Untersuchung anderer Formen von
Migration im 20. Jahrhundert fruchtbar gemacht werden? Vermögen
andersherum neuere Ansätze der gegenwartsorientierten
Migrationsforschung, wie etwa der Begriff der Transitmigration,
postkoloniale Theoriebildung oder Überlegungen aus der
Gender-Perspektive ein neues Licht auf das historische Exil zu werfen?
Zur Debatte stehen damit auch gängige Differenzierungen
unterschiedlicher Migrationstypen, etwa freiwillige/unfreiwillige
Wanderungen, Pendel- und Transmigrationen, Diaspora und Exil. In welchem
Verhältnis stehen diese Begrifflichkeiten zueinander? Die Konferenz lädt
dazu ein, die Möglichkeiten der inter- und transdisziplinären
Zusammenarbeit auszuloten und damit -  um das Wortspiel aufzunehmen -
Fächergrenzen zu überschreiten.
Der Call for Paper richtet sich an Forscherinnen und Forscher, die
Migrantinnen und Migranten als Akteure untersuchen, ohne jedoch die
strukturellen Voraussetzungen und Begrenzungen individuellen Handelns
aus dem Blick zu verlieren. Mögliche Themenbereiche für Vorträge sind:

  • Theoretische und methodische Aspekte der historischen Erforschung von Migrationsentscheidungen und Handlungsspielräumen von MigrantInnen (Fragen der Quellenkritik, Einsatz von Oral History, Zusammenhang von Struktur und agency)
  • Potentiale der Verschränkung von vergangenheits- und gegenwartsbezogenen Ansätzen in der Migrations-, Exil- oder Flüchtlingsforschung
  • Orte und Praktiken der Begegnung, sei es in Gesellschaften à part (z.B. in migrantischen Selbsthilfeorganisationen oder Exilgemeinschaften), sei es als integrierte Milieus (z.B. in gewerkschaftlichen, parteipolitischen, zivilgesellschaftlichen oder lebensweltlichen Zusammenhängen) Biographische Brüche (Erfahrungen, Reaktionen, Strategien) und ihre Thematisierung in Kunst/Literatur/Film/Presse u.a.m.
  • Geschlechtsspezifische Erfahrungen und Verläufe von Migration sowie ihre intersektionelle Verschränkung
  • Selbst- und Fremdwahrnehmungen von Migrantinnen und Migranten (Identitätspolitiken, Fragen der politischen Repräsentation, Historiographie, Erinnerungskultur)
  • Orte und Akteure transnationaler Aktivitäten

Tagungssprachen sind Deutsch, Englisch, Französisch.

Durchgeführt wird die Veranstaltung als Verbindung aus eingeladenen

Vorträgen und solchen, die mittels dieses Call for Papers gewonnen
werden. Ausdrücklich angesprochen ist der wissenschaftliche Nachwuchs.
Interessierte Forscherinnen und Forscher sind gebeten, bis zum 1.5.2017
ein Abstract sowie eine Kurzvita (je max. 1 Seite) zu senden. Eine Benachrichtigung erfolgt im Juni 2017. Die Vorträge können 20 Minuten nicht überschreiten.

Vorbehaltlich der Zusagen von Förderinstitutionen wird angestrebt, die
Reise- und Aufenthaltskosten der Referierenden ganz oder teilweise zu
übernehmen. Falls die Finanzierung aus eigenen Mitteln erfolgen kann,
wird um kurze Mitteilung gebeten.


Organisation:

Dozentur für Migrationsgeschichte / Forschungsplattform "Migration:
Kompetenzen bündeln - Impulse setzen - Grundlagen schaffen" am
Walter-Benjamin-Kolleg der Universität Bern / AG "Frauen im Exil" in der
Gesellschaft für Exilforschung e.V.; organisiert durch Dr. Wiebke von
Bernstorff (Hildesheim), Dr. Heike Klapdor (Berlin) und PD Dr. Kristina
Schulz (Bern)

Weiterführende Links:

http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=33726

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