Konferenzen – Call for Papers

Non! Nein! Formen und Äußerungen des Verweigerns (Themendossier der Zeitschrift "Trajectoires")

Dieser call for papers für das Themendossier der Zeitschrift Trajectoires richtet sich an Nachwuchsforscher/-Innen (Doktorand/-Innen, PostDocs, gegebenenfalls Masterstudent/-Innen) der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften; er lädt zur Bearbeitung des Themas Verweigerung in interdisziplinärer Perspektive ein.

  • Zeitraum: 15.03.2017 – 15.03.2017
  • Institution: Centre interdisciplinaire d’études et de recherches sur l’Allemagne (CIERA)
  • Ort: Paris / Frankreich
  • Einzureichen bis: 15. März 2017 Einreichtermin beachten
  • Zusätzliche Unterlagen: Beitragsvorschläge (max. 5000 Zeichen inkl. Leerzeichen) zusammen mit einem wissenschaftlichen Lebenslauf
  • Unterlagen an: trajectoires[at]ciera.fr
  • Kontakt: Sarah Haßdenteufel Goethe-Universität Frankfurt, Norbert-Wollheim-Platz 1, 60629 Frankfurt am Main, sarah.hassdenteufel[at]gmail.com

Welche Gemeinsamkeiten bestehen zwischen Achills Rückzug in sein Zelt, den Meutereien von 1917, Francos Aufstellen einer Armee um ein rechtmäßig amtierendes Regime zu stürzen, den geheimen Arbeiten des glänzenden Wissenschaftlers Victor Klemperer an seinem LTI, Brechts erfolgreiche Bemühungen um die Befreiung des Theaters von aristotelischen Zwängen, Hippie-Kommunen und Edward Snowdens Enthüllungen über das Ausmaß des US- Überwachungssystems? Sie alle waren Ausdruck einer Verweigerung gegenüber dem eigenen Schicksal oder der Welt.

Nein sagen, etwas verweigern, etwas abschlagen – das sind so übliche und alltägliche Handlungen, dass wir uns eine definitorische Abgrenzung fast ersparen könnten. Aber der Blick auf die mit dieser Handlung verbundene Lexik erlaubt schon einen ersten Befund: ablehnen, absagen, abweisen, ausschlagen, verbieten oder auch zurückweisen sind alles mögliche Alternativen zum Verb verweigern, das wir im Titel dieses Call for Papers vorgeschlagen haben. Sofort sind wir hier mit der Polysemie des Begriffs und der Vielfältigkeit seiner Ausdrucksformen in der Praxis sowie in der Sprache konfrontiert.

Insofern liegt die Frage nahe: Was bedeutet verweigern?

Kleine Kinder und Jugendliche machen diese Erfahrung schnell: Die Verweigerung ist eine Möglichkeit, sich zu festigen, seine Unabhängigkeit durchzusetzen und sich durch Abgrenzung zu behaupten. Der Prozess des Nein-Sagens geht Hand in Hand mit der Formierung des Selbstbewusstseins. Man positioniert sich, indem man opponiert. In den westlichen Ursprungserzählungen ist es ein Gründungsakt der Zivilisation: Adam und Eva, die sich über das göttliche Verbot hinwegsetzen, nicht die Früchte vom Baum der Erkenntnis zu kosten, oder Prometheus, der das alleinige Anrecht der Götter aufs Feuer in Frage stellt. Auf epistemologischer Ebene gehört das Verweigern zur Methode des Erkenntnisgewinns, denn durch das Infragestellen eines Theorems, einer Theorie oder einer Exegese und durch das Dekonstruieren eines Mythos oder einer überlieferten Vorstellung kann die Wahrheit ans Licht gelangen. Zu denken ist hier beispielsweise an Nikolaus Kopernikus, der das geozentrische Weltbild in Frage stellte.

Folglich erscheint das Verweigern als ein konstituierendes Element des freien Denkens, ja sogar des Denkens selbst. Bedeutet denken nicht, die vorgefertigten Modelle in Frage zu stellen, die Dogmen und Zwänge abzulehnen und jede Form bedingungsloser Zustimmung zurückzuweisen (Gutleben, 2012)? Camus schreibt: „Wenn wir unsere Gabe des Verweigerns preisgeben, dann wird unser Einverständnis unvernünftig und gerät aus dem Gleichgewicht. Geschichte wird zur Knechtschaft.“ (Camus, 1951). Die logische Alternative von Ja und Nein ist mit dem moralischen Dilemma der Zustimmung und der Verweigerung verzahnt. Erstere wird verstanden als das passive Annehmen dessen, was sich jedem Individuum bietet, Letztere erscheint wie die aktive Ablehnung dessen, was inakzeptabel geworden ist (Mattei, 2011). Das mit der Ablehnung vorgebrachte „Nein“ ist Ausdruck des Willens, sich dem vorgeblich Normalen und Zulässigen zu widersetzen. Wo diese Verweigerung andere Schicksale mit einschließt, wird sie zum Widerstand.

Was für die Individuen gilt, trifft auch für die Gesellschaften, Kulturen und Zivilisationen zu, die sich regelmäßig über die Verweigerung oder Ablehnung ihrer Vorgänger definieren.

Das bevormundende Erbe der Väter abzulehnen, ist charakteristisch für Identitätskonstruktion und Modernität, aber auch für die Behauptung der eigenen Freiheit.

Man kann die Verweigerung daher nicht mit einer rein negativen Geste gleichsetzen oder mit einem Nein vergleichen, das ausschließlich auf Ablehnung zielt. Verweigerung kann einen schöpferischen Zweck haben. Das „Nein“ der Verweigerung ist nicht nur das Gegenteil des „Ja“ der Annahme, der Zustimmung oder des Einverständnisses, sondern es ist auch das Gegenteil des resignierten Schweigens und des Verzichts. Verweigern heißt also nicht nur „Nein“ sagen, sondern eine Frage verneinen, die noch nicht gestellt wurde – eine Alternative benennen, wo es bisher keine gab. Verweigern bedeutet, einen zuvor inexistenten Oppositionsraum zu schaffen.

Auch wenn das Verweigern eine Handlung ist, die aus Verneinung oder Ablehnung entsteht, so existiert sie doch nur insoweit, als sie als solche vom Individuum oder der Gesellschaft wahrgenommen, bemerkt und bezeichnet wird. Je nachdem, ob das Verweigern sich auf individueller oder kollektiver Ebene, spontan oder organisiert äußert, ob es im Inneren bleibt oder öffentlich zum Ausbruch kommt, können wir mehrere Ausdrucksformen unterscheiden. Sie reichen vom Schweigen bis hin zum öffentlichen Aufschrei, von der Demonstration bis zum Rückzug, von der Disziplinlosigkeit bis zum Widerstand, vom Protest bis zum Aufstand, von der Desertion zur metaphorischen Flucht, von der Verteilung von Flugblättern bis zum Verfassen von Utopien etc. Das elfte Themenheft von Trajectoires untersucht diese verschiedenen Äußerungen und Formen des Verweigerns. Wie werden diese unterschiedlichen Formen von Negativität formuliert, angesehen und in Praktiken, Haltungen, Handlungen und Darstellungen übersetzt? Auch die Objekte der Verweigerung sind ein mögliches Thema. So ist das offensichtliche und direkte Objekt des Verweigerns nicht immer auch seine Finalität: Verweigerte Wilhelm Tell es, sich vor einem Hut zu verbeugen – oder vor der willkürlichen Herrschaft eines Fremden? Lehnte Rosa Parks es ab, ihren Platz im Bus aufzugeben – oder das Opfer einer diskriminierenden und rassistischen Gesetzgebung zu sein? Auch wird deutlich, dass man eine bestimmte etablierte Ordnung ebenso ablehnen kann wie auch einen Wandel, eine Entwicklung oder eine Veränderung. Verweigern ist nicht immer Synonym für Rebellion, sondern kann auch Ausdruck eines reaktionären Verhaltens sein. In dieser Perspektive erscheint es sinnvoll, die gleichbleibenden Mechanismen des Verweigerns herauszuarbeiten, die man sowohl bei progressiven als auch bei konservativen Bewegungen findet.

Für die Beiträge schlagen wir vier verschiedene Zugangsweisen vor, mit denen wir aber keinen Anspruch auf eine vollständige Erfassung des Begriffs erheben, sondern Möglichkeiten für weitere Fragestellungen offen lassen wollen.

1) Von der Verweigerung zum Aufstand

Auch als individuelles Reden und/oder Tun kann die Verweigerung einen kollektiven Protest nach sich ziehen. Dieser Zugang legt besonderes Augenmerk auf politische und gesellschaftliche Bewegungen; hier könnten namentlich der Moment des Übergangs vom simplen „Nein“ zu einer argumentierenden Kritik, des Wechsels vom individuellen zum kollektiven Agieren oder die notwendige Sichtbarmachung der Ablehnung thematisiert werden. Diesbezüglich wäre die bildliche Inszenierung und Ikonographie der Verweigerung ein möglicher Gegenstand, der bislang nur wenig von den Spezialisten der kollektiven Handlungen untersucht worden ist (Dézé, 2013), ebenso wie die Entwicklung der Formen des Protests im digitalen Zeitalter. Man kann die Verweigerung ebenfalls in eine Dialektik einordnen und sich fragen, wohin Verweigerung führt. Ein „Nein“ geht oftmals einher mit einem „Ja“. In diesem Fall schließt die Ablehnung eine Tür, um sogleich eine andere zu öffnen; sie versperrt einen Weg und eröffnet einen anderen. Daher kann man sich die Frage stellen, ob dieses „andere“, zu dem eine solche Ablehnung führt, Gegenteil des Abgelehnten ist – oder einfach eine Alternative. Die Frage stellt sich auch für eine Ablehnung, der keine Taten folgen. Auch kann man sich Gedanken darüber machen, inwiefern Aneignungsstrategien eine ursprünglich verweigernde Haltung zu einer „sterilen“ Ablehnung werden lassen, die nur noch eine Identifikationspose ist.

2) Von der Verweigerung zur Erneuerung

An dieser Stelle soll die kreative und konstruktive Dimension der Ablehnung thematisiert werden, die entsteht, wenn sie sich von ihrer ursprünglichen Negativfunktion löst und eine Heterodoxie hervorbringt, eine Alternative anbietet, die über ein „Nein“ hinausreicht. Beiträge können sich zum Beispiel auf die Fruchtbarkeit negativer Momente als Impulse der Geschichte, für das Schaffen eines Werks oder für den Verlauf einer individuellen Biographie konzentrieren. Umgekehrt kann die Erstellung von (Meister)Erzählungen beleuchtet werden, die im Nachhinein solche negativen Momente rechtfertigen. Als Objekte können hier Utopien – politischer oder ästhetischer Art – dienen, avantgardistische Manifeste oder Erfindungen, die aus einer klar benennbaren und benannten Ablehnung entstanden sind. (Dabei soll aber vermieden werden, alle ästhetische Modernität mit prinzipieller Ablehnung gleichzusetzen.)

3) Von der Verweigerung zum Rückzug

Verweigerung kann sich andererseits auch ausschließlich auf der individuellen Ebene bewegen, oder zumindest keinen öffentlichen Ausdruck finden. Dadurch kann die physische Unversehrtheit oder moralische Integrität gewahrt werden, die bedroht sind. Das Individuum entwickelt angesichts der ihm unerträglich erscheinenden Realität Fluchtstrategien, die für sein Überleben unverzichtbar sind. Zweifelsohne hat dieser Typus der Ablehnung die verschiedensten Ausprägungen: neben den pathologischen Formen der Katatonie, der Realitätsverweigerung oder der Verdrängung können hier genannt werden: Zynismus, Schweigen des Intellektuellen, Rückzug in die Einsiedelei oder in den „Garten“ wie in Voltaires Candide, Tagträumerei oder „künstliche Paradiese“. Abschließend sei bemerkt, dass jene Ablehnung des Anderen auch zur Exilierung, der Anorexie oder dem Selbstmord führen kann. Zwei Fragerichtungen scheinen hier besonders einschlägig. Die eine bestünde im Fragen nach den Grenzen der Verweigerung: Bis zu welchem Grad kann Verweigerung im Stillen erfolgen, ohne dabei ihren oppositionellen Charakter einzubüßen? Und: Wäre dies eine nicht-subversive Ablehnung insoweit, als sie die etablierte Ordnung nicht bedroht?

4) Von der Verweigerung zur Ausgrenzung

Ablehnung muss nicht allein das subversive „Nein“ einer Minderheit sein, des Unterdrückten gegenüber der Mehrheit oder der Herrschaft. Sie kann auch vom Stärkeren oder von etablierten Institutionen ausgehen und sich gegen einen oder mehrere Akteure richten, die dadurch marginalisiert werden. In diesem Falle dient Verweigerung der Hervorhebung ihres Ausschlusses, wie zum Beispiel im Falle der Verweigerung des Sakraments für diejenigen, die sich öffentlich zum Jansenismus bekannten (Farge, 1992), oder um im Gegenteil etwas Beschämendes zu verbergen, wie beispielsweise im Falle der Verweigerung der Bestattung für Selbstmordopfer (Guillemain, 2012). Hier können die Strategien untersucht werden, welche die Abgelehnten ergriffen – man denke zum Beispiel an den Salon des Refusés –, aber auch die Beweggründe der Herrschenden für ihre Verweigerungshaltung. Ist eine Ablehnung die Bestätigung der Deutungs- und Entscheidungshoheit oder im Gegenteil das erste Anzeichen der Schwäche desjenigen, das (oder der) nicht mehr einhellig unterstützt wird?

Arbeiten, die sich der Ausdrücke der Verweigerung auf einer empirischen Basis nähern, sind besonders willkommen. Da Trajectoires sich vor allem der Erforschung des deutsch- und französischsprachigen Raumes widmet, freuen wir uns insbesondere über die Einsendung vergleichender Studien.

Beitragsvorschläge können auf Deutsch oder Französisch verfasst sein und sollen die Fragestellung, gewählte Methode, Quellen und Gegenstand ebenso klar benennen wie die Kernelemente der Argumentation und den deutsch-französischen Bezug.

Die ausgewählten Beiträger/-Innen werden Anfang April informiert und sind dann gebeten, ihren Text bis zum 01.06.2017 einzureichen. Die Artikel unterliegen anschließend einem zweifachen peer review Verfahren.

Ein Workshop zum Thema „Verweigerung“ wird am Samstag, den 06.05.2017 in Paris stattfinden. Die Autor/-Innen können dort ihren geplanten Beitrag für Trajectoires vorstellen, wenn sie dies möchten. Die Reisekosten werden pauschal erstattet.

Die Teilnahme an dem Workshop ist weder notwendig noch hinreichend, um einen Artikel im Themendossier zu publizieren. Den interessierten Autor/-Innen danken wir aber bereits im Voraus dafür, dass sie sich – nach Möglichkeit – das Datum des Workshops freihalten.

Bibliographische Hinweise

Achard, Pierre, Anne Croll, Pierre Fiala (1995) : Dire non en politique. Mots, 45.

Balasinski, Justyne (2006) : Art et contestation. Rennes (Presses Universitaires de Rennes).

Camus, Albert (1951) : L’homme révolté. Paris (Gallimard).

Cosenza, Domenico (2014) : Le refus dans l’anorexie. Rennes (Presses Universitaires de Rennes).

Dézé, Alexandre (2013) : « Pour une iconographie de la contestation », Cultures & Conflits, 91/92.

Farge, Arlette (1992) : Dire et mal dire. L’opinion publique au XVIIIe siècle. Paris (Seuil).

Francillon, Roger (1993) : Figures du refus et de la révolte dans la littérature contemporaine suisse. Fribourg (Presses universitaires)

Guillemain Hervé (2012) : « Petits arrangements avec la mort volontaire. Suicide, folie et refus de sépulture dans la première moitié du XIXe siècle », ¿ Interrogations ?, n°14. Le suicide [online], www.revue-interrogations.org/Petits-arrangements-avec-la-mort

Gutleben, Christian (2012) : Le refus. Esthétique, littérature, société, musique. Paris (l’Harmattan).

Kalfa, Ariane (1995) : La force du refus. Philosopher après Auschwitz. Paris (l’Harmattan).

Lecuppre, Gilles (2016) : La contestation. Moyen-Âge et Temps modernes. Paris (Kimé).

Loez, André (2010) : 14-18 : Les refus de la guerre. Une histoire des mutins. Paris (Gallimard).

Mattei, Jean-François (2011) : Albert Camus, du refus au consentement. Paris (Presses Universitaires de France).

Rennes, Juliette (2011) : « Les formes de la contestation. Sociologie des mobilisations et théories de l’argumentation », A contrario, 2 (n° 16), S. 151-173.

Weiterführende Links:

http://trajectoires.revues.org
http://www.hsozkult.de/event/id/termine-33174

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