Conferences – Call for Papers

Sozialwissenschaften - mit oder ohne "Gesellschaft"?

Call for Abstracts für den interdisziplinären Workshop in Kooperation der Sektionen Kultursoziologie und Soziologische Theorie in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) vom 21.06 - 22.6. 2018 an der Universität Kassel. Organisation: Tanja Bogusz (Universität Kassel), Heike Delitz (Universität Bamberg). Deadline ist der 15.3.2018

  • Date: 21.06.2018 – 22.06.2018
  • Institution: Universität Kassel
  • Location: Kassel / Deutschland
  • Additional documents: Abstracts von 1-2 Seiten
  • Documents to: bogusz [at] uni-kassel.de; heike.delitz [at] uni-bamberg.de

'Gesellschaft' oder Kollektive sind in verschiedenen Disziplinen thematisch, nicht allein in Soziologie und soziologischer Theorie. Auch die Biologie, Informatik, Ökonomie oder die Ingenieurs- und Naturwissenschaften haben ihre Gesellschafts- und Kollektivbegriffe - sei es in der Semantik der "Tiergesellschaften", der "Datenkollektive", oder im Konzept der „citizen science“ der ökologischen Nachhaltigkeitsforschung. Auch im Zuge verstärkt thematisierter Transnationalisierungen oder der Auflösung von Natur/Kultur-Dichotomien fällt die Berufung auf 'Gesellschaft' in vielfältige disziplinäre Zuständigkeitsbereiche. Zudem ist von jeher nicht allein die Soziologie mit Fragen der Konstitution und Transformation menschlicher Gesellschaften befasst. Namentlich die Disziplinen Anthropologie respektive Ethnologie sowie Archäologie haben ihre Theorien der Konstitution von Gesellschaft und beobachten kollektive Existenzweisen - im stetigen und durch-aus kritischen Blick auf die soziologische Begriffs- und Theoriebildung (etwa auf den methodologischen Nationalismus oder die eurozentrische Vorstellung der „eigenen“, modernen gegenüber den 'anderen', vormodernen Gesellschaften).

Angesichts der vielfältigen Gesellschaftsthematisierungen in inter- und transdisziplinären Zusammenhängen erscheint es nun als paradox, dass es gleichzeitig gerade seitens soziologischer Theoretiker*innen gegenüber dem Gesellschaftsbegriff offenbar erhebliche Vorbehalte gibt. Die deutschsprachige Soziologie kann sich, wenn sie als Soziologie ohne Gesellschaft auftritt, dabei ebenso auf Georg Simmels Ersetzung des Gesellschaftsbegriffes durch 'Vergesellschaftung' wie auf Max Webers ähnlich motivierte Kritik am 'Spuk mit den Kollektivbegriffen' beziehen. Eine Soziologie ohne Gesellschaft finden wir aber auch in neueren praxistheoretischen Ansätzen, sofern diese den Gesellschaftsbegriff durch Begriffe regionaler Praxen ersetzen. Es gibt zudem weitere, und anders motivierte Kritiken am Gesellschaftsbegriff - nun solche, die sich in derselben Weise auch auf die alternativen Begriffe soziologischer Theorie, nämlich der 'sozialen Beziehung', 'Interaktion', oder der 'sozialen Handlung' beziehen.

Bei Bruno Latour, den Science and Technology Studies und Akteur-Netzwerk-Theorien; im französischen Neopragmatismus nach Luc Boltanski und Laurent Thévenot; oder in der neuen sozialen Ontologie Philippe Descolas erscheinen tatsächlich sowohl der Gesellschaftsbegriff als auch der des 'Sozia-len' als reduktive, anthropozentrische Begriffe, in denen die an jeder humanen kollekti-ven Existenz beteiligten Materialitäten, die differenten Körper und Artefakte nicht berücksichtigt sind. Daher treten an die Stelle von 'Gesellschaft' und 'Handlung' die Begriffe der ‚Kollektive‘ aus Menschen und Nichtmenschen; oder der 'Entanglements' (in Ethnologie und Archäologie, so bei Shalini Randeria oder Ian Hodder).

Kurz, es gibt alte und neue Verabschiedungen des Gesellschaftsbegriffes - aber auch neue Rettungsversuche, etwa in der Konturierung einer "postfundamentalistischen" Gesellschaftstheorie, in der 'Gesellschaft' als ebenso "unmögliches", wie notwendiges "Objekt" erscheint. [1] Eine weitere Frage, die in diesem Zusammenhang erneut gerade seitens der Kultursoziologie zu diskutieren wäre, betrifft das Verhältnis zwischen Kultur(en)- und Gesellschaftsbegriff. So heben Ethnolog*innen gerade die Notwendigkeit des Gesellschaftsbegriffes neben dem Kulturbegriff hervor, während manche Kultursoziologien dazu tendieren, beide Begriffe synonym zu verwenden - und damit Konflikte und Macht, also das Politische aus dem soziologischen Blick zu verlieren.[2]

Was spricht also - seitens der verschiedenen Disziplinen sowie Theorien und Methodologien - pro & contra den Gesellschaftsbegriff? Der Workshop zielt auf einen Austausch zwischen den 'gesellschaftswissenschaftlichen' Disziplinen Soziologie, Ethnologie, Archäologie ab; und lädt ausdrücklich auch Vertreter*innen all jener anderen Disziplinen ein, die an einer Debatte um die dort und anderswo verhandelten Gesellschaftsbegriffe interessiert sind.

Welche Begriffe von ‚Gesellschaft‘ sind je disziplinspezifisch, welche Kritiken sind präsent, und mit welchen Gründen wird „Gesellschaft“ eingesetzt, ersetzt oder wiedereingeführt? Inwiefern sind die jeweiligen Gesellschaftskonzepte durch empirische Forschungen geprägt und getrieben? Worin bestehen die Leitfragen der Disziplinen in der Konzeption von Gesellschaft? Und wenn „das Soziale“ bzw. „Gesellschaft“ nicht mehr vorkommt (sondern z.B. durch „Kollektive“ von Menschen und Nichtmen-schen ersetzt wird): Wie wird hier die Konstitution der Kollektive alternativ vorgestellt? Und welche politischen und gesellschaftlichen Konsequenzen könnte eine Verabschiedung des Gesellschaftsbegriffes haben - etwa mit der Aufgabe der damit verknüpften analytischen Fragen und Forschungen?

Die Organisator*innen freuen sich über Abstracts von 1-2 Seiten bis zum 15.3.2018 an:
bogusz [at] uni-kassel.de
heike.delitz [at] uni-bamberg.de

[1] Oliver Marchart, Das unmögliche Objekt. Eine postfundamentalistische Theorie der Gesellschaft, Berlin 2013
[2] Vgl. hierzu die Debatte zwischen Carola Lentz, Andreas Reckwitz und Klaus Lichtblau in Soziale Welt 2009, die wir gern fortführen würden.

Additional links:

www.heike-delitz.de/Gesellschaft_2018_CfP.pdf

Permanent link
Back to overview