Conferences – Call for Papers

„Muße und Arbeit“

Der SFB 1015 "Muße. Grenzen, Raumzeitlichkeit, Praktiken" an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg richtet in Kooperation mit der Gründungsakademie der Universität Freiburg vom 12.-14. April 2018 eine Tagung zum o. g. Thema aus. Vortragsvorschläge werden bis zum 1. November 2017 erbeten.

  • Date: 12.04.2018 – 14.04.2018
  • Institution: Universität Freiburg
  • Location: Freiburg im Breisgau / Deutschland
  • Documents to: inga.wilke[at]sfb1015.uni-freiburg.de

12. – 14. April 2018, Freiburg

Konzept und Organisation:

Prof. Dr. Elisabeth Cheauré, Prof. Dr. Gregor Dobler, Prof. Dr. Markus Tauschek
in Kooperation mit der Gründungsakademie der Universität Freiburg

Call for Papers

Muße und Arbeit – beides scheint in der Leistungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts unvereinbar: Wo gearbeitet wird, gibt es keine Muße. Und aus Zeiten und Räumen der Muße wird Arbeit kategorisch ausgeschlossen.

Debatten über die gesellschaftliche Verteilung von Arbeit, über die Verringerung von Arbeitslosigkeit oder über das bedingungslose Grundeinkommen zeigen, welche Bedeutung das (entlohnte) Tätigsein für Gesellschaften – zumindest des Globalen Nordens – hat (vgl. Bröckling/Horn 2002).

Arbeitet der Mensch, um zu leben oder lebt er, um zu arbeiten? Das Mittelhochdeutsche Wort ‚arebeit’ bedeutet ‚Mühsal‘, ‚Not‘ und ‚Strafe‘. Diese negative Konnotierung setzt sich in der Gegenwart fort, wenn Begriffe wie Entfremdung und Entgrenzung herangezogen werden, um Arbeitsalltage von Menschen zu beschreiben. Überforderung im Job und ständige Erreichbarkeit über die Arbeitszeit hinaus belasten den/die Einzelne*n zunehmend und lassen einen von äußeren Zwängen und Zweckhaftigkeit befreiten Umgang mit Zeit, der häufig mit Muße assoziiert wird, in weite Ferne rücken.

Muße, so eine im Sonderforschungsbereich 1015 entwickelte Bestimmung, bedeutet die Freiheit von temporalen Zwängen und die Abwesenheit einer unmittelbaren, die Zeit beschränkenden Leistungserwartung. In-Muße-Sein heißt demnach, von Druck entlastet zu sein. Das die Muße umgebende Begriffsfeld (Müßiggang, Faulheit, Langeweile) rückt sie in den Bereich des Nichtstuns und lässt sie damit zum prototypischen Gegenteil von Arbeit werden.
Diese Dichotomie von Arbeit und Muße erscheint bei genauerer Betrachtungen jedoch auflösbar oder zumindest ist sie zu problematisieren. Sei es während der Arbeitstätigkeiten (Dobler 2014) oder in Pausen (Muri 2004): Menschen schaffen sich heute individuell oder kollektiv überall und zu jeder Zeit – so die These – Freiräume und unterwandern damit die von Kapitalismus und Neoliberalismus an sie gestellten Ansprüche. Auch in auf den ersten Blick mußefremden Kontexten wie der Arbeit kann es Muße-Praktiken und Muße-Erfahrungen geben.

Unternehmen erkennen zunehmend die Bedeutung von dem Arbeiten enthobenen Aktivitäten für die Zufriedenheit und Produktivität der Mitarbeiter*innen – und verschränken damit Freiräume und Freizeiten mit neoliberalen Zielen (Bröckling 2007). Großkonzerne wie Facebook oder Google entwickeln neue Modelle, die Arbeits- und Freizeit gleich ganz zu nivellieren versuchen. Neben den etablierten Global-Playern definieren sich aber auch viele Start-Up Unternehmen durch eine Verschränkung von Arbeit und Freizeit. Zudem wird in der Gründerszene häufig eine Verbindung von sozialen Anliegen, Ideen einer neuen, achtsameren und mußevolleren Wirtschaftsweise mit wirtschaftlichen Zielen angestrebt (Social Entrepreneurship).

Die Tagung möchte im Sinne des Sonderforschungsbereichs aus einer interdisziplinären Perspektive den komplexen Zusammenhang von Muße und Arbeit sowohl theoretisch als auch empirisch oder (kultur)historisch kontextualisierend diskutieren. Die Tagung möchte damit nicht nur Arbeit und Freizeit, Muße und Produktivität mit den damit verbundenen Praktiken und diskursiven Formationen verstehen, sondern darüber hinaus auch einen kultur-, geistes,- und sozialwissenschaftlichen Beitrag zur Gesellschaftsanalyse leisten.
Folgende Fragen können im Zentrum der Beiträge stehen:

  • Welche Praktiken ergeben sich in Vergangenheit und Gegenwart aus der Verschränkung von Muße und Arbeit?
  • Wie stellen Akteure in Arbeitskontexten Muße her – welche Rollen spielen dabei sozio-materiale Arrangements?
  • Lassen sich in Freizeit- oder Mußephasen Praktiken finden, die man als Arbeit beschreiben könnte vice versa?
  • Wem wird diskursiv das ‚Privileg‘ der Muße in Kontexten der Arbeit zugesprochen und wer muss sich eigenständig und subversiv Freiräume schaffen?
  • Welche Diskurse formieren sich um die Entgrenzung von Arbeit und die Diffusion von Arbeitswelten in die Freizeit?
  • Mit welchen Bedeutungen werden Mußeräume in Arbeitskontexten in welchen ökonomischen Zusammenhängen versehen?
  • Wie dringen Ideologeme (und welche) von Leistungsfähigkeit und Arbeitsethik in Mußezeiten ein und welche Effekte ergeben sich daraus?

Vortragsvorschläge im Umfang von ca. 2.500 Zeichen werden als pdf-Dokument bis zum 1. November 2017 erbeten per Mail an: inga.wilke[at]sfb1015.uni-freiburg.de

Die Reise- und Übernachtungskosten können übernommen werden. Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch.

Literatur:

Bröckling, Ulrich/Horn, Eva (Hg.): Anthropologie der Arbeit (Literatur und Anthropologie 15), Tübingen 2002.

Bröckling, Ulrich: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt am Main 2007.

Dobler, Gregor: „Arbeit und Muße“. In: Hasebrink, Burkhard/ Riedl, Peter Philipp (Hg.): Muße im kulturellen Wandel (linguae & litterae). Berlin 2014. 54–68.

Muri, Gabriela: Pause! Zeitordnung und Auszeiten aus alltagskultureller Sicht. Frankfurt a. M. 2004. 

Additional links:

https://www.sfb1015.uni-freiburg.de/

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