Conferences – Call for Papers

„Realität“ vs. Wahrnehmung von Konflikten. Ansätze zu einer vergleichenden Geschichte der Praktiken und Diskursivierungen

In dem Workshop, organisiert von der Université Paris Diderot/USPC, Université Sorbonne Nouvelle/USPC, Freie Universität Berlin/Frankreichzentrum, geht es darum, Ansätze aus der Sozial und Alltagsgeschichte mit neuesten Erkenntnissen der Wahrnehmungs- und Erfahrungsgeschichte zu verbinden.

  • Date: 20.11.2017 – 21.11.2017
  • Institution: Freie Universität Berlin
  • Location: Berlin / Deutschland
  • Documents to: patrick.farges[at]sorbonne-nouvelle.fr; laurent.dedryvere[at]univ-paris-diderot.fr; elisa.goudin-steinmann[at]univ-paris3.fr

Bei allen semantischen Unterschieden weisen sowohl die heute in der öffentlichen Debatte aufgeheizten Ängste (von „Aufständen in benachteiligten Stadtvierteln“ „städtischen Unruhen“ „Flüchtlingskrise“ bis hin zu einem „schwelenden Bürgerkrieg“) als auch die allgemein verbreiteten soziokulturellen Konflikte Angstdiskurse auf, die es bereits zu früheren Zeiten in der Geschichte gegeben hat. Diese Feststellung zu der unter anderen SpezialistInnen der Mentalitätsgeschichte der Analyse kollektiver Diskurse oder der Mediensprache gelangt sind, regt also einerseits zu einem Vergleich zwischen der „Gegenwart“ und früheren Zeitabschnitten der Geschichte, andererseits zu einem eingehenden diachronen Nachdenken über die anhaltende Diskrepanz zwischen einer Sozialgeschichte der sozialen Konflikte und einer Geschichte der Gefühle und Wahrnehmungen an. In der Perspektive eines Vergleichs zwischen verschiedenen nationalen Kontexten sind die Beispiele Deutschland und Frankreich besonders interessant. Man denke etwa an die stark mediatisierten Theoretiker des „nationalen Verfalls“ in Frankreich, an die starke Kontroverse, die das Buch Thilo Sarrazins Deutschland schafft sich ab in Deutschland (und in anderen Ländern) hervorgerufen hat oder an das Buch Udo Ulfkottes über einen angeblichen unmittelbar bevorstehenden „Bürgerkrieg“ in manchen deutschen Stadtvierteln (Vorsicht Bürgerkrieg. Was lange gärt wird endlich Wut).


Diese verbreitete Untergangsstimmung, die zu einer medienwirksamen Kartografierung der Krisen und Konfliktherde führt, scheint den Nährboden für einen populistischen Diskurs zu bereiten, der zwar gefühlsbeladen und wenig stichhaltig ist, aber umso besser wirkt.


Ziel des Workshops ist es, Klarheit bei der Frage zu schaffen, ob und inwiefern heutige Angstgefühle Variationen älterer Ängste sind, die von neuen Akteuren über neue Kommunikationsmittel verbreitet werden. An der Diskussion sollen Studierende und Forschende teilnehmen, um eine historische Hinterfragung populistischer Diskurse zu fördern. Mehreren Fragen soll dabei nachgegangen werden: Können Archetypen, Denkmuster, rhetorische Figuren, narrative und diskursive Konstrukte identifiziert werden, die in der Wahrnehmung und Nacherzählung sozialer Konflikte immer wieder vorkommen? Kann durch einen Rückgriff auf Methoden und Instrumente der Wahrnehmungsgeschichte das genuin Konstruierte der Vorstellungen aufgedeckt werden?


In dem Workshop geht es darum, Ansätze aus der Sozial und Alltagsgeschichte mit neuesten Erkenntnissen der Wahrnehmungs- und Erfahrungsgeschichte zu verbinden. Ein weiteres Ziel der Veranstaltung ist die Vorbereitung einer kollektiven Publikation zum Thema „‚Realität’ vs. Wahrnehmung von Konflikten“. Willkommen sind Beiträge, welche die Wirklichkeit der Konflikte und deren Instrumentalisierung durch verschiedene Instanzen – seien es Medien, politische Parteien oder WissenschaftlerInnen – gegenüberstellen. Auch literarische Verarbeitungen bzw. fiktionale Mediatisierungen solcher Konflikte können hierfür relevant sein.

Besonders erwünscht ist die Teilnahme von DoktorandInnen und Postdocs, die zum deutsch- bzw. französischsprachigen Raum oder zu den deutsch-französischen Beziehungen forschen. Der Schwerpunkt der Veranstaltung wird auf der Neueren der Neuesten bzw. der Zeitgeschichte liegen, wobei auch Rückblicke in ältere Zeitabschnitte durchaus denkbar sind. Zum Beispiel könnte die Frühe Neuzeit anregende Antworten auf die Frage nach der Kluft zwischen den Konflikten und den Wahrnehmungen und Darstellungen dieser Konflikte liefern. So könnte der Frage nachgegangen werden, inwiefern Angst schürende Diskurse von heute aktualisierte Variationen älterer Diskurse sind.

Bitte senden Sie Vorschlag (Titel Abstract) + Lebenslauf bis zum 20. September 2017 an:

patrick.farges[at]sorbonne-nouvelle.fr
laurent.dedryvere[at]univ-paris-diderot.fr
elisa.goudin-steinmann[at]univ-paris3.fr

Additional links:

http://www.geisteswissenschaften.fu-berlin.de/frankreichzentrum/index.html

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