Conferences – Call for Papers

"Wie kann man nur dazu forschen?" Themenpolitik in der Europäischen Ethnologie

Die volkskundliche Kulturwissenschaft Europäische Ethnologie kennzeichnet es, wie vielfach bemerkt worden ist, anhand von Detailproblemen und ausgehend von kleinen, dichten Beobachtungen bedeutsame, größere Zusammenhänge zu erschließen.

  • Date: 03.11.2017 – 05.11.2017
  • Institution: Universität Innsbruck
  • Location: Innsbruck / Österreich
  • Additional documents: Abstracts (max. 3000 Zeichen) samt knappen CV-Angaben
  • Documents to: europ-ethnologie[at]uibk.ac.at

Diese Nobilitierung des nur scheinbar Trivialen zum würdigen Forschungsgegenstand wurde zwar zur fachinternen Norm (Scharfe 1995), blieb jedoch stets ein Thema mit Diskussionsbedarf. So fragt Jens Wietschorke (2012): „Darf man als Alltagskulturwissenschaftler ein Thema überhaupt uninteressant finden?“ Er schließt: „nicht immer ist das Unbedeutende zum Sprechen zu bringen“. Die Relevanz wie Irrelevanz von Forschungsgegenständen wird daneben auch im Kontext ethischer Erwägungen diskutiert. Dass ein jeder Gegenstand es wert sei, erforscht zu werden, problematisiert etwa Konrad Köstlin (1995) mit der Forderung nach gesellschaftspolitisch relevanter Forschung: „wir reiben uns immer weniger an der ersten Wirklichkeit, an Arbeitslosigkeit, Ungerechtigkeit, Wohnungsnot etc. Stattdessen traktieren wir lustvoll kleine, hochsymbolisch verpuppte Partien“.
In fachinternen Diskursen wird jedoch zum einen  das angeblich Belanglose, das als „unspannend“, langweilig oder als gesellschaftlich irrelevant Erachtete zuweilen belächelt oder mit Verwunderung und Befremden zur Kenntnis genommen: Ist das „benutzte Taschentuch“ ein Thema?
Zum anderen gelten Forschungen, die sich dem Devianten, im Fachdiskurs als moralisch verwerflich oder politisch falsch Angesehenen widmen, zum Teil – implizit oder explizit – als unangebracht oder werden beargwöhnt, verbunden mit der Zuschreibung eines kontagiösen Charakters von Forschungsgegenständen, denen das Potential einer Stigmatisierung der Forschenden innewohnt (vgl. Kirby und Corzine 1981): Wer möchte in und zu totalitären und gewaltaffinen religiösen Gemeinschaften wie der „Colonia Dignidad“ forschen?
Dabei ist es ein Spezifikum des Faches, sich nicht nur für das Triviale, sondern auch für das Randständige und Abgründige zu interessieren. Maase und Warneken (2003) sprechen von den „Unterwelten der Kultur“ als „wichtiges, charakteristisches Themenfeld“.
Im Rahmen wechselnder Konjunkturen entwickeln sich Mainstreamthemen zu randständigen oder marginalisierten Bereichen und vice versa, etwa auch, wenn das volkskundlich Traditionelle in einem impliziten Fortschrittsglauben für altmodisch oder überwunden erklärt wird. Das „Vielnamenfach“ hat nicht nur zahlreiche Transformationen aufgrund von Paradigmenwechseln, Turns und der kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte durchgemacht, sondern unterliegt in Fachhabitus (Kaschuba 2013), Wissenskulturen und Forschungsperspektiven auch Moden und Trends (Bachmann-Medick 2006), die sich auf das symbolische Kapital der Forschenden und die Anerkennung innerhalb des wissenschaftlichen Feldes  auswirken können. Hinsichtlich der Reputation der Forschung spricht Warneken (1997) von der „Eingepasstheit in den Kanon der jeweils legitimen Kultur“ – dies gilt auch für die Fachkultur.
Eine pejorative Bewertung von Forschungsgegenständen birgt die Gefahr der Standardisierung, Engführung und eines auf Akzeptanz und Sicherheit ausgerichteten konformistischen bzw. strategischen Verhaltens bei der Wahl von Themen beziehungsweise Methoden. Eine solche Dynamik widerspricht dem Selbstverständnis des Faches, sich mit alltagskulturellen Lebensäußerungen jeglicher Art auseinanderzusetzen und daher nicht nur eine entsprechende Offenheit für potentiell der Untersuchung würdige Gegenstände zu zeigen, sondern auch die Bereitschaft, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die eine ästhetische oder moralische Zumutung darstellen. Zudem widerspricht eine solche Themenpolitik der prinzipiellen Offenheit qualitativ-empirischer Forschung.
Die Tagung möchte in einer analytischen Perspektive auf die skizzierten Dynamiken und Aushandlungsprozesse die bislang vor allem implizit mitgeführten Klassifizierungsmechanismen von Themen explizit machen. Ziel ist dabei die Reflexion von Tabus, blinden Flecken, Bewertungs- und Ausschlussprozessen im Kontext der intrafachlichen Diskursivierung von Forschungsgegenständen. Die zu diskutierenden Aspekte sind auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelt:
Programmatisch: Welche Themen gelten aus welchen Gründen als relevant beziehungsweise irrelevant? Wie hängen Konjunkturen und Moden zusammen mit geistesgeschichtlichen, historischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungen? In Bezug auf welche Themen werden welche methodischen Ansätze als angemessen betrachtet? Wer kann aufgrund welchen symbolischen Kapitals wie über seine Forschung sprechen und schreiben, wem wird die Deutungsmacht über den Stellenwert von Forschungsgegenständen zugeschrieben?
Daraus folgend forschungsstrategisch: Welche Forschungsgegenstände werden warum als geeignet vs. ungeeignet erachtet, Prestige und Anerkennung zu erzeugen? Wie wirkt sich die Wahl von Forschungsgegenständen in unterschiedlichen Stadien einer Forscher*innenkarriere aus?
Und schließlich: Wie soll das Fach Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde mit solchen Diskussionen umgehen?
Erwünscht sind sowohl konkrete Beispiele für die diskursive Verhandlung in diesem Sinne kritischer Forschungsthemen als auch Beiträge, die diese Dynamiken auf einer Metaebene im Sinne eines fachgeschichtlichen und –theoretischen Blicks beleuchten.

Es sollte sich um neue und unveröffentlichte Beiträge handeln.
Zugesagte Keynotes: Silke Göttsch-Elten, Kaspar Maase, Bernd Jürgen Warneken, Jens Wietschorke

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